„Macht“ kommt von „machen“

"Macht" kommt von "machen"!
Slogan: „Macht“ kommt von „machen“. Mach was draus! (M. Frisch)

Wissen ist Macht …

Der Ausspruch „Wissen ist Macht.“ wird gewöhnlich auf den englischen Philosophen und Staatsmann Francis Bacon (1561–1626) zurückgeführt. Tatsächlich hatte er 1597 in seinen Meditationes Sacrae geschrieben:

Nam et ipsa scientia potestas est.

Denn auch die Wissenschaft [bzw. das Wissen] selbst ist Macht.

Francis Bacon, Meditationes Sacrae (1597)

Der Philosoph und Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588–1679), in frühen Jahren Sekretär Francis Bacons, kommt mit seiner Formulierung unserem Sprichwort noch näher:

Scientia potentia est.

Wissen [bzw. Wissenschaft] ist Macht.

Thomas Hobbes, Leviathan (1668)

Doch ist das wirklich so? Ist Wissen mit Macht gleichzusetzen? Sicherlich ist Wissen meist eine notwendige Voraussetzung für Macht, aber doch wohl alleine nicht hinreichend. Zu Recht kritisiert also der österreichische Dichter Peter Rosegger (1843–1918):

Wissen ist Macht.

Wie schief gedacht!

Wissen ist wenig,

Können ist König.

Peter Rosegger, in der Gedichtsammlung Mein Lied (1911)

Aber auch Rosegger greift noch zu kurz. Auch wenn Können über bloßes Wissen weit hinausgeht, ist es noch nicht mit Macht gleichbedeutend. Erst in der Umsetzung von Wissen und Können in konkretes Tun – in der Machtausübung – zeigt sich Macht.

Etymologie

Und damit sind wir bei der – scheinbaren – Verwandtschaft von Macht und machen im Deutschen. Sprachwissenschaftler mögen mir die kühne Etymologie verzeihen. Ich weiß, dass sie nicht stimmt: Das deutsche Wort  Macht geht wohl vielmehr über das mittel- und althochdeutsche maht ‚Gewalt, Vermögen, körperliche Kraft‘ zurück auf das gotische maghan ‚Können, Fähigkeit, Vermögen‘, abgeleitet von der indogermanischen Wurzel *magh- ‚können, vermögen, helfen‘ zurück. (Damit geht der Punkt also vorerst an Peter Rosegger.)

Macht ist demnach etymologisch ‚das Vermögen, etwas zu tun‘ – wie die lateinischen Entsprechungen potentia und potestas, das altgriechische δύναμις, das spanische poder oder potencia, das französische pouvoir und das englische power.

machen dagegen geht über das althochdeutsche mahhōn ‚bauen‘ auf die indogermanische Wurzel *mag- ‚kneten‘ und ‚etwas handwerklich verfertigen‘ zurück. (Das englische to make hat eine ähnliche Mythologie.)

Dennoch finde ich die zufällige Ähnlichkeit der beiden Wörter, die man leicht für verwandt halten könnte, sehr erhellend. Die scheinbare sprachliche Verwandtschaft ist sozusagen ein produktives Missverständnis.

Wissen – Können – Macht

Hinter der scheinbaren Verwandtschaft von Macht und machen verbirgt sich eine wichtige Erkenntnis: Macht, also die Herrschaft, Gewalt oder Verfügung über Dinge, Personen oder komplexe Situationen resultiert eben nicht etwa aus Wissen oder Fähigkeiten alleine, sondern nur aus der tatsächlichen Umsetzung von Wissen und Fähigkeiten in Handlungen bzw. Taten.

Denn ein Wissen oder Können kann niemand erkennen, wenn es nicht eingesetzt wird. Nicht einmal man selbst kann sich der Richtigkeit des Wissens oder der (Noch-)Verfügbarkeit eines Könnens, sicher sein, wenn man es nicht – zumindest gelegentlich – anwendet.

Es genügt auch nicht, einmal oder zweimal gezeigt zu haben, dass man zu dieser tatsächlichen Umsetzung fähig ist. Nein, man muss hinreichend oft durch Handeln bewiesen haben, dass man sein Wissen und seine Fähigkeiten einsetzen kann, dass man also Macht ausüben kann, um wirklich Macht zu besitzen.

Auch kann man solche Macht durchaus verlieren, wenn man sein Wissen eben nicht mehr in Handeln umsetzen kann, erst recht natürlich wenn man Wissen und Können durch Nichtanwendung – mangelnde Übung – einbüßt.

Was ist Macht?

Macht bedeutet aber nicht nur Herrschaft über Dinge und Menschen, politische oder militärische Gewalt, sondern eben auch im weitesten Sinne soziale Autorität und Einfluss in verschiedensten Bereichen.

Darüber hinaus gibt es nicht nur eine Macht, die man über andere ausübt, sondern auch eine Macht, die man über sich selbst ausübt. Diese Macht hat zwei Aspekte: Selbstbeherrschung oder Selbstdisziplin auf der einen Seite, Tatkraft oder die Fähigkeit, sich selbst zu motivieren und sein Wissen und sein Können in Handeln umzusetzen, auf der anderen Seite.

Mach was draus!

Zahlreiche Erfolgsratgeber, Coaches und Influencer betonen völlig zu Recht diesen Aspekt des Machens bzw. Tuns.

Was bringt es mir, wenn ich Wissen anhäufe, es aber niemals zu etwas nutze? (Ich rede hier nicht von der sofortigen „Vernutzbarkeit“ jeden Wissens, jenem Anspruch, dass in Schulen und Universitäten nur gelehrt werden solle, was für Wirtschaft und Industrie brauchbar ist.) Was nützt es, wenn ich eine mir gegebene Fähigkeit oder eine Fertigkeit, die ich gelernt und geübt habe, bis ich sie beherrsche, niemals einsetze? Was bringt ein solches Wissen und Können mir selbst, meinem Umfeld, der Gesellschaft, der Welt?

Was hindert uns am Machen?

Gründe für eine solche Zurückhaltung bei der „Machtausübung“, für das Nicht-Machen also, gibt es viele: Schüchternheit; Angst, zu versagen und sich zu blamieren; Antriebslosigkeit; Unsicherheit; Gleichgültigkeit; das Gefühl, nichts ausrichten und bewirken zu können; den Glauben, dass andere etwas besser wüssten und könnten … Erkennen Sie sich selbst darin oder fallen Ihnen noch andere Gründe ein?

Was soll ich tun?

Wir sollten uns – in Anlehnung an Immanuel Kants zweite Grundfrage der Philosophie1 – fragen: Wie kann ich mein Wissen, meine Ideen, meine Fähigkeiten und Fertigkeiten einsetzen? Was kann ich damit für mich und andere bewirken – sei es im engsten Freundes- und Familienkreis, sei es in Vereinen, sei es im Beruf, sei es in der Politik? Kann ich mein Wissen an andere weitergeben? Kann ich mein Können anderen vermitteln. Kann ich mit meinem Handeln jemandem helfen?  … Auch diese Reihe von Fragen lässt sich sicher noch erweitern.

Die Umsetzung des Wissens und Könnens in Handeln mag darin bestehen, ein Produkt zu entwickeln, das uns und anderen Menschen in irgendeiner Form das Leben erleichtert, oder bestehende Produkte zu verbessern; Menschen etwas beizubringen; tätig zu werden und anderen zu helfen; für Gerechtigkeit zu sorgen; ein Geschäft zu gründen und wohlhabend zu werden; dazu beizutragen, eine Krankheit zu besiegen; mein eigenes Leben zu verbessern oder die Welt – und wenn auch nur ein ganz klein wenig – zu einem besseren Ort zu machen.2

Nicht umsonst ermahnt Seneca den Lucilius (ep. 16,3), dass die Philosophie nicht auf Worten, sondern auf Taten beruhe.3

In diesem Sinne: Macht kommt von machen. – Mach was draus!

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Gefahren der Schönheit?

Wahnsinn der Liebe

Ein Sprichwort sagt, dass Liebe blind mache. Bei Heinrich Heine ist der „Liebeswahnsinn“ sogar ein wiederkehrendes Thema. So schreibt er:

Die Liebe ist immer eine Art Wahnsinn,

mehr oder minder schön …

Heinrich Heine, Shakespeares Maedchen und Frauen, Paris / Leipzig 1839, S. 224–225.

oder auch:

Liebeswahnsinn! Pleonasmus!

Liebe ist ja schon ein Wahnsinn.

Heinrich Heine, Atta Troll – ein Sommernachtstraum,  Hamburg 1847, Caput XIX (S. 101).

Auch Friedrich Nietzsche schließt sich im Zarathustra dieser Meinung an:

Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas Vernunft im Wahnsinn.

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra I, 7 [KSA 4, 49]

Und natürlich hat, wer verliebt ist, immer nur Augen und Ohren für das Objekt seiner Begierde, kann an an nichts anderes denken, ist abgelenkt, hat schlaflose Nächte, möchte jede freie Minute mit dem geliebten Menschen verbringen, ist blind und taub für Kritik an ihm oder ihr …

Ja, ein wenig Wahnsinn ist der Liebe wohl nicht abzusprechen.

Anziehungskraft und Wirkung schöner Menschen

Aphrodite von Knidos
Aphrodite von Knidos – römische Marmorstatue nach einem griechischen Original aus dem 4. Jh. v. Chr. (Quelle: Wikimedia Commons, public domain)

Der Sokratesschüler Xenophon (um 430 –  355 v. Chr.) geht sogar noch einen Schritt weiter: Seiner Meinung nach sollte man sich von allen schönen Menschen fernhalten, da es nicht leicht sei, sich mit ihnen einzulassen und dabei die Kontrolle zu behalten (Xen. mem. 1, 3, 8–15).

In zwei seiner Werke führt Xenophon diese These aus, einmal in einer homosexuellen, einmal in einer heterosexuellen Konstellation:

Die Tollkühnheit, einen schönen Menschen zu küssen (Xen. mem. 1, 3, 8–15)

In seinen Memorabilien berichtet Xenophon, wie Sokrates einmal seinen Freund Kritobulos deswegen tadelt, weil dieser einen besonders schönen jungen Mann geküsst habe. Dies sei, so Sokrates, völlig unvernünftig. Denn wer sich zu einem schönen Menschen hingezogen fühle, werde zum Sklaven und verschwende Zeit und Geld, ja er tue Dinge, die normalerweise nicht einmal ein Wahnsinniger tun würde. Daher solle man, sobald man einem schönen Menschen begegne, schnellstmöglich fliehen.

Die Liebe zu einem schönen Menschen sei vor allem deshalb so gefährlich, weil sie auch auf Entfernung wirkt und in Abwesenheit des Objekts der Begierde. Wenn man einmal einer solchen Liebe verfallen sei, könne allenfalls noch eine lange räumliche und zeitliche Trennung helfen. Aber besser sei es, von vorneherein die Begegnung mit so schönen und begehrenswerten Menschen zu vermeiden.

Xenophon ergänzt diese Anekdote um den Rat: Wer nicht standhaft gegenüber den Liebesfreuden sei, solle darauf achten, sich möglichst auf nichts einzulassen, was ein seelisches Verlangen verursacht, sondern vielmehr nur den körperlichen Trieben Genüge zu leisten.1

Willenlos und sklavisch ergeben durch den Anblick einer Schönheit? (Xen. Kyr. 4, 6, 11 – 5, 1, 18 u. 6, 1, 31–36)

In der Kyrupädie, einem Werk über Menschenführung, berichtet Xenophon, wie dem Protagonisten Kyros dem Großen nach dem Sieg über die Assyrer die schönste assyrische Frau als Kriegsbeute zugeteilt wird. Er aber gibt sie in die Obhut seines Freundes Araspas, weil er fürchtet, er könne durch ihre Schönheit dazu veranlasst werden, seine Pflichten zu vernachlässigen.

Araspas macht sich darüber lustig: Es sei ganz unmöglich, dass die Schönheit eines menschlichen Wesens jemanden dazu bringe, gegen seinen Willen seine Pflichten zu vergessen. Das passiere nur schwachen Charakteren. Doch bald darauf verliebt sich Araspas selbst in diese schöne Frau, ohne dass diese versucht hätte, ihn  zu verführen. Das geht so weit, dass er versucht, sein Ziel mit Drohungen und Gewalt zu erreichen.2

Während Sokrates hinsichtlich der konkreten Folgen der Liebe zu einem schönen Menschen in Xenophons Bericht sehr vage bleibt, schildert Kyros die drohenden Gefahren etwas detaillierter:

Man kann nicht mit der Liebe aufhören, wenn man es will, ist dem geliebten Menschen sklavisch ergeben, liefert sich ihm aus und unterwirft sich blindlings. Auch opfert man Dinge, von denen man sich besser nicht getrennt hätte. Allerdings dauere es eine Zeit, bis die gefährliche Wirkung eintritt. Kyros selbst zieht daraus für sich die Konsequenz, genausowenig schöne Menschen anzusehen, wie er freiwillig in ein Feuer fassen würde.3

Xen. mem. 1, 3, 8
Sokrateszitat (nach Xenonphon, Memorabilia 1, 3, 8) [Design erstellt mit canva.com]

Was ist schon dabei?

Die von Xenophon Sokrates und Kyros in den Mund gelegten Warnungen vor der Liebe oder sogar dem bloßen Kontakt zu schönen Menschen wirken nicht nur auf uns übertrieben, sondern waren auch für die Antike ungewöhnlich und provokant.

Aber in unserer heutigen Welt der Hollywoodstars, Supermodels und Socia-Media-Influencer erscheint diese schönheitsfeindliche Position umso befremdlicher. Was soll denn schon dabei sein, sich schöne Menschen anzuschauen? Und überhaupt – liegt Schönheit nicht im Auge des Betrachters? Bedeutet „schön“ nicht für jede und jeden etwas anderes?

Kennen Sie Situationen, in denen Sie das Gefühl hatten, einem schönen Mann oder einer schönen Frau ganz verfallen zu sein? An nichts anderes mehr denken zu können? Sich ihm oder ihr sklavisch auszuliefern und zu unterwerfen? Dinge zu tun, die Sie besser nicht getan hätten? Dinge zu opfern, die Sie besser behalten hätten? Geld auszugeben, das Sie anders besser hätten verwenden können oder über das Sie eigentlich gar nicht verfügen? Zeit zu vergeuden? Ihre Aufgaben zu vernachlässigen?

Oder kennen Sie Menschen, die sich genau so verhalten oder verhalten haben, weil Sie einer Schönheit verfallen sind oder waren?

Ich bin immun gegen die „Gefahren der Schönheit“!

Aber auch wenn Sie oder Ihre Freunde und Bekannten im wahren Leben nicht die Kontrolle verlieren, weil Sie sich zu einer Schönheit in Ihrem Umfeld hingezogen fühlen – die Gefahren der Schönheit, vor denen Xenophon warnt, betreffen uns alle.

Erinnern Sie sich noch an Kyros‘ Freund Araspas? „Mir kann das nicht passieren! Das trifft nur schwache Persönlichkeiten!“ Und dann, mit der Zeit …

Genau über diesen Mechanismus funktioniert ein Großteil der Werbung heute: Gehen Sie wirklich nur wegen der spannenden Handlung in den Kinofilm –  oder nicht vielleicht doch auch wegen des gutaussehenden Hauptdarstellers oder der sexy Hauptdarstellerin? Kaufen Sie die Zeitschrift wirklich nur wegen des informativen Inhalts – oder nicht vielleicht doch auch wegen des hübschen Covermodels? Kaufen Sie ein Produkt wirklich nur wegen seiner Funktionalität – oder nicht doch auch wegen der tollen, gutaussehenden Darsteller in den Werbespots oder weil ein hipper, supersexy Influencer es auch nutzt? Ob Sie es wollen oder nicht, die meisten von uns werden – zumindest unterbewusst – alltäglich durch solche Mechanismen, die Gefahren der Schönheit, gelenkt und manipuliert.

Gibt es da auch was von Ratiopharm?

Nein, ein Heilmittel aus der Apotheke gibt es gegen die Wirkung der Schönheit wahrscheinlich nicht. (Fragen Sie zur Sicherheit aber gerne Ihren Arzt oder Apotheker!)

Grundsätzlich ist es ja auch überhaupt nicht schlimm, sich zu einem schönen Menschen hingezogen zu fühlen und aus Liebe auch mal Dummheiten zu machen. Tragisch ist es nach eigenem Empfinden natürlich, wenn der- oder diejenige die Liebe nicht erwidert. Aber Liebeskummer vergeht.

Gefährlicher ist es schon, wenn solch ein schöner Mensch sich seiner Wirkung auf andere Menschen bewusst ist und sie gezielt einsetzt, um andere zu manipulieren und seine oder ihre Ziele auf diese Weise zu erreichen. In diesem Falle kann man nur darauf hoffen, dass Freunde einen auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

Im Falle der Werbung und der Welt der Photoshop-Beauties in den sozialen Netzwerken und den Medien, wo man ja meist nicht direkten Kontakt mit den wunderschönen Menschen hat, hilft es, vor einer Entscheidung, ob und wieviel Zeit und Geld Sie investieren wollen, tief durchzuatmen und sich bewusst zu fragen: Brauche ich das wirklich? Habe ich jetzt die Zeit dazu, mir das stundenlang anzuschauen? Will ich das wirklich tun?

Und wenn Sie sich dann ganz bewusst entschieden haben sollten, genießen Sie es – aus freiem Willen und mit allen Sinnen als Herr oder Herrin Ihrer selbst!

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Philosophari necesse est – Philosophieren tut not

Bild "Die Schule von Athen" von Raphael
„Die Schule von Athen“ (1511), Fresco von Raphael; Quelle: Wiki Commons, public domain

Philosophiert wird in Schulen nicht nur im Philosophieunterricht, sondern auch in anderen Fächern, so z. B. auch im Lateinunterricht und im Griechischunterricht. Als Philosoph und Klassischer Philologe und früherer Lehrer für Philosophie, Latein, Griechisch und Geschichte liegt mir das Philosophieren im altsprachlichen Unterricht natürlich besonders am Herzen.

Philosophie, philosophieren und  philosophische Texte im altsprachlichen Unterricht

Philosophische Themen und Texte, insbesondere der hellenistischen Philosophie und ihrer Rezeption durch die Römer, sind integraler Bestandteil der Rahmenpläne und Kerncurricula der Fächer Latein und Griechisch. Aber auch schon in den Lehrbüchern werden die Schüler mit berühmten Philosophen der Antike und ihren Lehren konfrontiert.

Bei der Auseinandersetzung mit den antiken philosophischen Texten setzen sich die Schüler zugleich mit zentralen Fragen des Lebens auseinander, die von zeitloser Bedeutung und somit auch heute für jeden einzelnen wichtig sind, so etwa Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Glück, dem „richtigen“ Handeln, Tugenden und Werten, der Freiheit u. v. a. m. Durch die Brisanz, die Aktualität und den Bezug zur Alltagsrealität der Schüler werden diese angeregt, sich aktiv mit diesen Themen auseinanderzusetzen, die Positionen der antiken Philosophen nachzuvollziehen, aber auch in Frage zu stellen und nicht zuletzt auf diese Weise selbst zu philosophieren. Ziel muss es sein, das philosophische Potenzial dieser Texte für das Leben der Schüler nutzbar zu machen!

Wir sollten deshalb auch im altsprachlichen Unterricht das Philosophieren als Unterrichtsprinzip verstehen, das dazu dient, das Verständnis für die philosophischen Themen der gelesenen Texte zu wecken und zu vertiefen und den Schülerinnen und Schülern so die Aktualität der Texte erlebbar zu machen und auf diese Weise die Begegnung mit antiker Philosophie für das eigene Leben und Denken fruchtbar zu machen. So lässt sich im – nach Meinung mancher ach so angestaubten – Latein- und Griechischunterricht wirklich für das Leben lernen, indem man das Philosophieren als „Kulturtechnik“ (Ekkehard Martens) oder gar „Lebensform“ (Helmut Engels) einübt.

Wichtig ist es, solche Texte für die Lektüre auszuwählen, die einerseits exemplarisch für den philosophischen Diskurs der Antike oder einer der antiken Philosophenschulen sind und andererseits möglichst auch Bezugsmöglichkeiten zur Lebenswelt der Schüler bieten. Aber auch die Auseinandersetzung mit dem Fremden und Andersartigen der antiken Philosophie lässt sich für den Unterricht fruchtbar machen.

Ziel sollte es daher immer sein, die Texte nicht nur zu übersetzen, sondern sie wirklich zu verstehen und sich aktiv mit ihnen zu beschäftigen. Dazu gehört es auch, die Schüler schon vor der Konfrontation mit den Texten für die behandelte philosophische Thematik aufzuschließen. Dafür eignen sich besonders aktivierende Einstiege, z. B. Gedankenexperimente, Rollenspiele, das sokratische Gespräch, Diskussionen, Brainstorming und anderes mehr.

Während und nach der Texterschließung und Übersetzung sollten die Schüler als erstes bemüht sein, die Argumentation des Autors im Zusammenhang gründlich zu verstehen und genau nachzuvollziehen.

Die anschließende Interpretation darf dann aber nicht bei der Dokumentation des Textverständnisses stehenbleiben, sondern muss zur aktiven Auseinandersetzung mit dem philosophischen Problem und den Thesen und Argumenten des Autors anregen. Grundsätzlich eignen sich dazu alle Methoden des Philosophieunterrichts: so z. B. Begriffsanalyse, Argumentieren, Gedankenexperiment, Textinterpretation, kreatives Schreiben und bildliches Denken u.v.a.m.

Philosophari necesse est (nach: Cic. Tusc. 2, 1)
Motto: „Philosophieren tut not“, frei nach: Cicero, Tusculanae disputationes 2, 1

Unterrichtsmaterialien

Inzwischen gibt es mehrere neuere Lektürehefte zu philosophischen Themen. Da Ganzschriftlektüren aus den verschiedensten Gründen inzwischen unrealistisch geworden sind, hat sich zu Recht der Ansatz der thematischen Lektüre durchgesetzt.

Für mein Lektüreheft für den Lateinunterricht „Philosophische Texte. O vitae philosophia dux!“ habe ich deswegen zentrale Texte von Cicero, Seneca und Horaz ausgewählt, mit Texten verschiedenster Philosophen (Marc Aurel, Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche, Andreas Urs Sommer) kontrastiert und neben den typischen Aufgaben zum Textverständnis aktivierende Arbeitsaufträge zum Selbstphilosophieren – allein oder im Plenum – gestellt.

Im dazugehörigen Lehrerheft haben Fabiola Dengler und ich für die unterrichtenden Lehrkräfte nicht nur Inhaltsangaben zu den Texten und Lösungsskizzen zu den Aufgaben, sondern auch didaktische und methodische Hinweise und Anregungen zum Philosophieren mit den Schülern und eine umfangreiche Bibliographie zur antiken Philosophie, zur Behandlung philosophischen Themen im altsprachlichen Unterricht und darüberhinaus auch zur Philosophiedidaktik zusammengestellt.

Didaktisch-methodische Literatur

Die fachdidaktische Literatur zur Behandlung philosophischer Texte im altsprachlichen Unterricht ist überschaubar. Zahlreicher sind schon die publizierten Unterrichtsvorschläge zu konkreten Texten.

In meinem Aufsatz „Philosophische Text im altsprachlichen Unterricht“ gebe ich aus meiner Erfahrung als Latein-, Griechisch- und Philosophielehrer einen Überblick über die wichtigsten Fragen und Anregungen für die Unterrichtspraxis.

Außerdem zeige ich in meinen Aufsätzen zur Behandlung von Xenophon, Memorabilien 1, 3, 8-15 im Griechischunterricht und von Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 116 im Lateinunterricht exemplarisch, wie eine aktive Auseinandersetzung mit philosophischen Themen im altsprachlichen Unterricht erfolgen kann.

Ausblick

Ich hoffe, dass möglichst alle Latein- und Griechischlehrer sich bei der Beschäftigung mit antiken philosophischen Texten von dem Ziel leiten lassen, ihren Schülerinnen und Schülern unter der Fragestellung „quid ad nos?“ die Relevanz der antiken Philosophie für ihr eigenes Leben und die Bedeutung des Philosophierens als „Kulturtechnik“ und „Lebensform“ nahezubringen.

Literaturempfehlungen

  • Philosophische Texte. O vitae philosophiae dux! Ausgewählt und bearbeitet von Magnus Frisch. Textband. 2., überarbeitete Auflage Stuttgart / Leipzig: Klett 2015 (96 Seiten).
  • Magnus Frisch / Fabiola Dengler, Philosophische Texte. O vitae philosophiae dux! Lehrerheft mit CD-Rom. Stuttgart / Leipzig: Klett 2016 (64 Seiten).
  • Magnus Frisch, Philosophische Texte im altsprachlichen Unterricht. In: Forum Schule. Mitteilungsblatt des Hessischen Altphilologenverbandes 58 (2011). S. 28-36. [online lesen (frei zugängliches Web-Angebot der Zeitschrift; pdf-Datei)]
  • Magnus Frisch, Utrum satius sit modicos habere adfectus an nullos. Seneca ep. 116 im Unterricht. In: Der Altsprachliche Unterricht 55.4-5 (2012). S. 74-83.
  • Magnus Frisch, Die Tollkühnheit, einen schönen Menschen zu küssen. Philosophische Ansätze bei der Textinterpretation am Beispiel von Xenophon, Memorabilia 1, 3, 8-15. In: Der Altsprachliche Unterricht 57.5 (2014). S. 42-49.

 

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