Philosophari necesse est – Philosophieren im altsprachlichen Unterricht tut not

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Bild "Die Schule von Athen" von Raphael
„Die Schule von Athen“ (1511), Fresco von Raphael; Quelle: Wiki Commons, public domain

Philosophiert wird in Schulen nicht nur im Philosophieunterricht, sondern auch in anderen Fächern, so z. B. auch im Lateinunterricht und im Griechischunterricht. Philosophieren im altsprachlichen Unterricht liegt mir besonders am Herzen. Schließlich bin ich Philosoph, Klassischer Philologe und Lehrer für Philosophie, Latein, Griechisch und Geschichte.

Philosophie, philosophieren und philosophische Texte im altsprachlichen Unterricht

Philosophische Themen und Texte, insbesondere der hellenistischen Philosophie und ihrer Rezeption durch die Römer, sind integraler Bestandteil der Rahmenpläne und Kerncurricula der Fächer Latein und Griechisch. Aber auch schon in den Lehrbüchern werden die Schüler mit berühmten Philosophen der Antike und ihren Lehren konfrontiert.

Bei der Auseinandersetzung mit den antiken philosophischen Texten setzen sich die Schüler zugleich mit zentralen Fragen des Lebens auseinander, die von zeitloser Bedeutung und somit auch heute für jeden einzelnen wichtig sind. Das sind zum Beispiel Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Glück, dem „richtigen“ Handeln, Tugenden und Werten, der Freiheit u. v. a. m. Durch die Brisanz, die Aktualität und den Bezug zur Alltagsrealität der Schüler werden diese angeregt, sich aktiv mit diesen Themen auseinanderzusetzen, die Positionen der antiken Philosophen nachzuvollziehen, aber auch in Frage zu stellen und nicht zuletzt auf diese Weise selbst zu philosophieren. Ziel muss es sein, das philosophische Potenzial dieser Texte für das Leben der Schüler nutzbar zu machen!

Deshalb sollten wir auch im altsprachlichen Unterricht das Philosophieren als Unterrichtsprinzip verstehen, das dazu dient, das Verständnis für die philosophischen Themen der gelesenen Texte zu wecken und zu vertiefen und den Schülerinnen und Schülern so die Aktualität der Texte erlebbar zu machen und auf diese Weise die Begegnung mit antiker Philosophie für das eigene Leben und Denken fruchtbar zu machen. So lässt sich im – nach Meinung mancher ach so angestaubten – Latein- und Griechischunterricht wirklich für das Leben lernen, indem man das Philosophieren als „Kulturtechnik“ (Ekkehard Martens) oder gar „Lebensform“ (Helmut Engels) einübt.

Textauswahl

Dafür ist es wichtig, Texte für die Lektüre auszuwählen, die einerseits exemplarisch für den philosophischen Diskurs der Antike oder einer der antiken Philosophenschulen sind und andererseits möglichst auch Bezugsmöglichkeiten zur Lebenswelt der Schüler bieten. Aber auch die Auseinandersetzung mit dem Fremden und Andersartigen der antiken Philosophie lässt sich für den Unterricht fruchtbar machen.

Aktive Auseinandersetzung mit den Texten

Ziel sollte es daher immer sein, die Texte nicht nur zu übersetzen, sondern sie wirklich zu verstehen und sich aktiv mit ihnen zu beschäftigen. Dazu gehört es auch, die Schüler schon vor der Konfrontation mit den Texten für die behandelte philosophische Thematik aufzuschließen. Dafür eignen sich besonders aktivierende Einstiege, z. B. Gedankenexperimente, Rollenspiele, das sokratische Gespräch, Diskussionen, Brainstorming und anderes mehr.

Während und nach der Texterschließung und Übersetzung sollten die Schüler als erstes bemüht sein, die Argumentation des Autors im Zusammenhang gründlich zu verstehen und genau nachzuvollziehen.

Die anschließende Interpretation darf dann aber nicht bei der Dokumentation des Textverständnisses stehenbleiben, sondern muss zur aktiven Auseinandersetzung mit dem philosophischen Problem und den Thesen und Argumenten des Autors anregen. Grundsätzlich eignen sich dazu alle Methoden des Philosophieunterrichts: so z. B. Begriffsanalyse, Argumentieren, Gedankenexperiment, Textinterpretation, kreatives Schreiben und bildliches Denken.

Philosophari necesse est (nach: Cic. Tusc. 2, 1)
Motto: „Philosophieren tut not“, frei nach: Cicero, Tusculanae disputationes 2, 1

Unterrichtsmaterialien zur Philosophie im altsprachlichen Unterricht

Inzwischen gibt es mehrere neuere Lektürehefte zu philosophischen Themen. Da Ganzschriftlektüren aus den verschiedensten Gründen inzwischen unrealistisch geworden sind, hat sich zu Recht der Ansatz der thematischen Lektüre durchgesetzt.

Für mein Lektüreheft für den Lateinunterricht „Philosophische Texte. O vitae philosophia dux!“ habe ich deswegen zentrale Texte von Cicero, Seneca und Horaz ausgewählt, mit Texten verschiedenster Philosophen (Marc Aurel, Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche, Andreas Urs Sommer) kontrastiert und neben den typischen Aufgaben zum Textverständnis aktivierende Arbeitsaufträge zum Selbstphilosophieren – allein oder im Plenum – gestellt.

Im dazugehörigen Lehrerheft haben Fabiola Dengler und ich für die unterrichtenden Lehrkräfte nicht nur Inhaltsangaben zu den Texten und Lösungsskizzen zu den Aufgaben zusammengestellt, sondern auch didaktische und methodische Hinweise und Anregungen zum Philosophieren mit den Schülern und eine umfangreiche Bibliographie zur antiken Philosophie, zur Behandlung philosophischer Themen im altsprachlichen Unterricht und darüberhinaus auch zur Philosophiedidaktik.

Didaktisch-methodische Literatur zum Philosophieren im altsprachlichen Unterricht

Die fachdidaktische Literatur zur Behandlung philosophischer Texte im altsprachlichen Unterricht ist überschaubar. Dagegen sind die publizierten Unterrichtsvorschläge zu konkreten Texten schon zahlreicher.

In meinem Aufsatz „Philosophische Texte im altsprachlichen Unterricht“ gebe ich aus meiner Erfahrung als Latein-, Griechisch- und Philosophielehrer einen Überblick über die wichtigsten Fragen und Anregungen für die Unterrichtspraxis.

Außerdem zeige ich in meinen Aufsätzen zur Behandlung von Xenophon, Memorabilien 1, 3, 8-15 im Griechischunterricht und von Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 116 im Lateinunterricht exemplarisch, wie eine aktive Auseinandersetzung mit philosophischen Themen im altsprachlichen Unterricht erfolgen kann.

Ausblick

Ich hoffe, dass möglichst alle Latein- und Griechischlehrer sich bei der Beschäftigung mit antiken philosophischen Texten von dem Ziel leiten lassen, ihren Schülerinnen und Schülern unter der Fragestellung „Quid ad nos?“ die Relevanz der antiken Philosophie für ihr eigenes Leben und die Bedeutung des Philosophierens als „Kulturtechnik“ und „Lebensform“ nahezubringen.

Hier noch einmal der ganze Beitrag zum Anhören.

Literaturempfehlungen

  • Philosophische Texte. O vitae philosophiae dux! Ausgewählt und bearbeitet von Magnus Frisch. Textband. 2., überarbeitete Auflage Stuttgart / Leipzig: Klett 2015 (96 Seiten).
  • Magnus Frisch / Fabiola Dengler, Philosophische Texte. O vitae philosophiae dux! Lehrerheft mit CD-Rom. Stuttgart / Leipzig: Klett 2016 (64 Seiten).
  • Magnus Frisch, Philosophische Texte im altsprachlichen Unterricht. In: Forum Schule. Mitteilungsblatt des Hessischen Altphilologenverbandes 58 (2011). S. 28-36. [online lesen (frei zugängliches Web-Angebot der Zeitschrift; pdf-Datei)]
  • Magnus Frisch, Utrum satius sit modicos habere adfectus an nullos. Seneca ep. 116 im Unterricht. In: Der Altsprachliche Unterricht 55.4-5 (2012). S. 74-83.
  • Magnus Frisch, Die Tollkühnheit, einen schönen Menschen zu küssen. Philosophische Ansätze bei der Textinterpretation am Beispiel von Xenophon, Memorabilia 1, 3, 8-15. In: Der Altsprachliche Unterricht 57.5 (2014). S. 42-49.

 

1 Kommentar

  1. Wie haben Sie als Schüler die Behandlung philosophischer Themen und Texte im Latein- oder Griechischunterricht erlebt? Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben oder hat Sie beeinflusst? Was hat Ihnen gefehlt?

    Wie behandeln Sie als Lehrende/r im altsprachlichen Unterricht philosophische Themen und Texte?

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