Gefahren der Schönheit?

Wahnsinn der Liebe

Ein Sprichwort sagt, dass Liebe blind mache. Bei Heinrich Heine ist der „Liebeswahnsinn“ sogar ein wiederkehrendes Thema. So schreibt er:

Die Liebe ist immer eine Art Wahnsinn,

mehr oder minder schön …

Heinrich Heine, Shakespeares Maedchen und Frauen, Paris / Leipzig 1839, S. 224–225.

oder auch:

Liebeswahnsinn! Pleonasmus!

Liebe ist ja schon ein Wahnsinn.

Heinrich Heine, Atta Troll – ein Sommernachtstraum,  Hamburg 1847, Caput XIX (S. 101).

Auch Friedrich Nietzsche schließt sich im Zarathustra dieser Meinung an:

Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas Vernunft im Wahnsinn.

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra I, 7 [KSA 4, 49]

Und natürlich hat, wer verliebt ist, immer nur Augen und Ohren für das Objekt seiner Begierde, kann an an nichts anderes denken, ist abgelenkt, hat schlaflose Nächte, möchte jede freie Minute mit dem geliebten Menschen verbringen, ist blind und taub für Kritik an ihm oder ihr …

Ja, ein wenig Wahnsinn ist der Liebe wohl nicht abzusprechen.

Anziehungskraft und Wirkung schöner Menschen

Aphrodite von Knidos
Aphrodite von Knidos – römische Marmorstatue nach einem griechischen Original aus dem 4. Jh. v. Chr. (Quelle: Wikimedia Commons, public domain)

Der Sokratesschüler Xenophon (um 430 –  355 v. Chr.) geht sogar noch einen Schritt weiter: Seiner Meinung nach sollte man sich von allen schönen Menschen fernhalten, da es nicht leicht sei, sich mit ihnen einzulassen und dabei die Kontrolle zu behalten (Xen. mem. 1, 3, 8–15).

In zwei seiner Werke führt Xenophon diese These aus, einmal in einer homosexuellen, einmal in einer heterosexuellen Konstellation:

Die Tollkühnheit, einen schönen Menschen zu küssen (Xen. mem. 1, 3, 8–15)

In seinen Memorabilien berichtet Xenophon, wie Sokrates einmal seinen Freund Kritobulos deswegen tadelt, weil dieser einen besonders schönen jungen Mann geküsst habe. Dies sei, so Sokrates, völlig unvernünftig. Denn wer sich zu einem schönen Menschen hingezogen fühle, werde zum Sklaven und verschwende Zeit und Geld, ja er tue Dinge, die normalerweise nicht einmal ein Wahnsinniger tun würde. Daher solle man, sobald man einem schönen Menschen begegne, schnellstmöglich fliehen.

Die Liebe zu einem schönen Menschen sei vor allem deshalb so gefährlich, weil sie auch auf Entfernung wirkt und in Abwesenheit des Objekts der Begierde. Wenn man einmal einer solchen Liebe verfallen sei, könne allenfalls noch eine lange räumliche und zeitliche Trennung helfen. Aber besser sei es, von vorneherein die Begegnung mit so schönen und begehrenswerten Menschen zu vermeiden.

Xenophon ergänzt diese Anekdote um den Rat: Wer nicht standhaft gegenüber den Liebesfreuden sei, solle darauf achten, sich möglichst auf nichts einzulassen, was ein seelisches Verlangen verursacht, sondern vielmehr nur den körperlichen Trieben Genüge zu leisten.1

Willenlos und sklavisch ergeben durch den Anblick einer Schönheit? (Xen. Kyr. 4, 6, 11 – 5, 1, 18 u. 6, 1, 31–36)

In der Kyrupädie, einem Werk über Menschenführung, berichtet Xenophon, wie dem Protagonisten Kyros dem Großen nach dem Sieg über die Assyrer die schönste assyrische Frau als Kriegsbeute zugeteilt wird. Er aber gibt sie in die Obhut seines Freundes Araspas, weil er fürchtet, er könne durch ihre Schönheit dazu veranlasst werden, seine Pflichten zu vernachlässigen.

Araspas macht sich darüber lustig: Es sei ganz unmöglich, dass die Schönheit eines menschlichen Wesens jemanden dazu bringe, gegen seinen Willen seine Pflichten zu vergessen. Das passiere nur schwachen Charakteren. Doch bald darauf verliebt sich Araspas selbst in diese schöne Frau, ohne dass diese versucht hätte, ihn  zu verführen. Das geht so weit, dass er versucht, sein Ziel mit Drohungen und Gewalt zu erreichen.2

Während Sokrates hinsichtlich der konkreten Folgen der Liebe zu einem schönen Menschen in Xenophons Bericht sehr vage bleibt, schildert Kyros die drohenden Gefahren etwas detaillierter:

Man kann nicht mit der Liebe aufhören, wenn man es will, ist dem geliebten Menschen sklavisch ergeben, liefert sich ihm aus und unterwirft sich blindlings. Auch opfert man Dinge, von denen man sich besser nicht getrennt hätte. Allerdings dauere es eine Zeit, bis die gefährliche Wirkung eintritt. Kyros selbst zieht daraus für sich die Konsequenz, genausowenig schöne Menschen anzusehen, wie er freiwillig in ein Feuer fassen würde.3

Xen. mem. 1, 3, 8
Sokrateszitat (nach Xenonphon, Memorabilia 1, 3, 8) [Design erstellt mit canva.com]

Was ist schon dabei?

Die von Xenophon Sokrates und Kyros in den Mund gelegten Warnungen vor der Liebe oder sogar dem bloßen Kontakt zu schönen Menschen wirken nicht nur auf uns übertrieben, sondern waren auch für die Antike ungewöhnlich und provokant.

Aber in unserer heutigen Welt der Hollywoodstars, Supermodels und Socia-Media-Influencer erscheint diese schönheitsfeindliche Position umso befremdlicher. Was soll denn schon dabei sein, sich schöne Menschen anzuschauen? Und überhaupt – liegt Schönheit nicht im Auge des Betrachters? Bedeutet „schön“ nicht für jede und jeden etwas anderes?

Kennen Sie Situationen, in denen Sie das Gefühl hatten, einem schönen Mann oder einer schönen Frau ganz verfallen zu sein? An nichts anderes mehr denken zu können? Sich ihm oder ihr sklavisch auszuliefern und zu unterwerfen? Dinge zu tun, die Sie besser nicht getan hätten? Dinge zu opfern, die Sie besser behalten hätten? Geld auszugeben, das Sie anders besser hätten verwenden können oder über das Sie eigentlich gar nicht verfügen? Zeit zu vergeuden? Ihre Aufgaben zu vernachlässigen?

Oder kennen Sie Menschen, die sich genau so verhalten oder verhalten haben, weil Sie einer Schönheit verfallen sind oder waren?

Ich bin immun gegen die „Gefahren der Schönheit“!

Aber auch wenn Sie oder Ihre Freunde und Bekannten im wahren Leben nicht die Kontrolle verlieren, weil Sie sich zu einer Schönheit in Ihrem Umfeld hingezogen fühlen – die Gefahren der Schönheit, vor denen Xenophon warnt, betreffen uns alle.

Erinnern Sie sich noch an Kyros‘ Freund Araspas? „Mir kann das nicht passieren! Das trifft nur schwache Persönlichkeiten!“ Und dann, mit der Zeit …

Genau über diesen Mechanismus funktioniert ein Großteil der Werbung heute: Gehen Sie wirklich nur wegen der spannenden Handlung in den Kinofilm –  oder nicht vielleicht doch auch wegen des gutaussehenden Hauptdarstellers oder der sexy Hauptdarstellerin? Kaufen Sie die Zeitschrift wirklich nur wegen des informativen Inhalts – oder nicht vielleicht doch auch wegen des hübschen Covermodels? Kaufen Sie ein Produkt wirklich nur wegen seiner Funktionalität – oder nicht doch auch wegen der tollen, gutaussehenden Darsteller in den Werbespots oder weil ein hipper, supersexy Influencer es auch nutzt? Ob Sie es wollen oder nicht, die meisten von uns werden – zumindest unterbewusst – alltäglich durch solche Mechanismen, die Gefahren der Schönheit, gelenkt und manipuliert.

Gibt es da auch was von Ratiopharm?

Nein, ein Heilmittel aus der Apotheke gibt es gegen die Wirkung der Schönheit wahrscheinlich nicht. (Fragen Sie zur Sicherheit aber gerne Ihren Arzt oder Apotheker!)

Grundsätzlich ist es ja auch überhaupt nicht schlimm, sich zu einem schönen Menschen hingezogen zu fühlen und aus Liebe auch mal Dummheiten zu machen. Tragisch ist es nach eigenem Empfinden natürlich, wenn der- oder diejenige die Liebe nicht erwidert. Aber Liebeskummer vergeht.

Gefährlicher ist es schon, wenn solch ein schöner Mensch sich seiner Wirkung auf andere Menschen bewusst ist und sie gezielt einsetzt, um andere zu manipulieren und seine oder ihre Ziele auf diese Weise zu erreichen. In diesem Falle kann man nur darauf hoffen, dass Freunde einen auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

Im Falle der Werbung und der Welt der Photoshop-Beauties in den sozialen Netzwerken und den Medien, wo man ja meist nicht direkten Kontakt mit den wunderschönen Menschen hat, hilft es, vor einer Entscheidung, ob und wieviel Zeit und Geld Sie investieren wollen, tief durchzuatmen und sich bewusst zu fragen: Brauche ich das wirklich? Habe ich jetzt die Zeit dazu, mir das stundenlang anzuschauen? Will ich das wirklich tun?

Und wenn Sie sich dann ganz bewusst entschieden haben sollten, genießen Sie es – aus freiem Willen und mit allen Sinnen als Herr oder Herrin Ihrer selbst!

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  1. Xenophon, Memorabilia 1, 3, 8–15. Vgl. Magnus Frisch, Die Tollkühnheit, einen schönen Menschen zu küssen. Philosophische Ansätze bei der Textinterpretation am Beispiel von Xenophon, Memorabilia 1, 3, 8–15, in: Der altsprachliche Unterricht 57.5 (2014), S. 42–49 u. Rainer Nickel, Xenophon. Leben und Werk, Marburg 2016, S. 118–119.
  2. Xen. Kyrupädie 4, 6, 11 – 5, 1, 18 u. 6, 1, 31–36. Vgl. auch  Rainer Nickel, Xenophon. Leben und Werk, Marburg 2016, S. 116–119.
  3. Xen. Kyr. 5, 1, 12 u. 16.

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