Reicht es, seine Affekte und Leidenschaften zu mäßigen, oder sollte man sie ganz beseitigen?

Zitat aus Sen. epist. 116, 1 zum Thema Affekte

In der Philosophie ist immer wieder diskutiert worden, wie die Menschen mit ihren Gefühlen umgehen sollen: ob man sie zulassen dürfe, mäßigen müsse oder sogar ganz unterdrücken solle. Diese Frage ist eng verbunden mit der Rolle der Selbstbeherrschung.

Utrum satius sit modicos habere adfectus an nullos? (Sen. epist. 116)

Der römische Philosoph Seneca (ca. 1–65 n. Chr.) widmet sich dieser Frage in einem seiner Briefe an Lucilius (epist. 116) und diskutiert die Positionen der Stoa und des Peripatos dazu:

Utrum satius sit modicos habere adfectus an nullos, saepe quaesitum est. Nostri illos expellunt, Peripatetici temperant. Ego non video, quomodo salubris esse aut utilis possit ulla mediocritas morbi.

Ob es besser sei, gemäßigte Gefühlsregungen zu haben oder gar keine, hat man oft gefragt. Die Unsrigen [die Stoiker] vertreiben sie, die Peripateiker mäßigen sie. Ich sehe nicht, wie irgendeine Mäßigung einer Krankheit heilsam oder nützlich sein könne.

Sen. epist. 106, 1

Gefühlregungen – Affekte – Leidenschaften

Den Begriff adfectusAffekt‘ gebraucht Seneca nach antikem Verständnis für sämtliche Arten von Gefühlsregungen. Dagegen betrachten wir heute Affekte gewöhnlich als zeitlich begrenzte Empfindungszustände im Gegensatz zu Leidenschaften als habitualisierten Empfindungszuständen.

Die Peripatetiker verstehen unter Affekten alle seelischen Vorgänge, die mit Lust oder Leid verbunden sind, so z. B. Begierde, Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Liebe, Hass, Sehnsucht, Eifer, Mut und Mitleid. Solche Affekte sind aus Sicht der Peripatetiker naturgemäß und von sich aus weder gut noch schlecht.

Die Stoiker unterscheiden vier Arten von Affekten: Lust, Leid bzw. Unlust, Furcht und Begierde. Diese Affekte halten sie für unvernünftig und widernatürlich.1 (Darüber hinaus kennt die Stoa noch drei edle bzw. gute Affekte, nämlich den rechten Willen in Form von Wohlwollen oder Zufriedenheit, die Vorsicht in Gestalt der Ehrfurcht oder der Keuschheit sowie die reine Freude im Bewusstsein des tugendhaften Lebens.2)

Wehret den Anfängen!

Seneca argumentiert folgendermaßen: Man müsse die Gefühlsregungen sofort bei ihrem Auftreten vertreiben, weil sie sonst um sich greifen und unbeherrschbar würden (epist. 116, 2–5). Diese rigide stoische Haltung erscheint unnatürlich hart und kaum umsetzbar. Aber tatsächlich will Seneca den Menschen auch nichts verbieten, sondern ihnen vielmehr zu einem angemessenen Umgang mit ihren Gefühlsregungen verhelfen:

Noli timere! Nihil eorum, quae tibi non vis negari, eripio. Facilem me indulgentemque praebebo rebus, ad quas tendis et quas aut necessarias vitae aut utiles aut iucundas putas, detraham vitium. Nam cum tibi cupere interdixero, velle permittam, ut eadem illa intrepidus facias, ut certiore consilio, ut voluptates ipsas magis sentias. Quidni ad te magis perventurae sint, si illis imperabis, quam si servies?

Fürchte dich nicht! Nichts von den Dingen, die du dir nicht verbieten lassen willst, nehme ich dir weg. Ich werde mich nachgiebig und nachsichtig gegenüber den Dingen zeigen, zu denen du neigst und die du für notwendig oder für nützlich oder für angenehm hältst. Den Fehler werde ich wegnehmen. Denn wenn ich dir untersagt habe zu begehren, werde ich dir erlauben zu wollen, damit du jenes furchtlos und mit sichererem Entschluss tust und die Freuden selbst stärker empfindest. Warum sollten sie stärker auf dich wirken, wenn du über sie herrscht, als wenn du ihnen dienst?

Sen. epist. 106, 1

Über seine Wünsche und sein Handeln gebieten, statt von seinen Gefühlen beherrscht zu werden

Es geht also vor allem darum, die Kontrolle über seine Wünsche und Gefühle zu erlangen. Deshalb soll man das, was man sonst aus einem Affekt oder einer Leidenschaft heraus getan hätte, bewusst, gezielt und kontrolliert zu tun – nicht Sklave, sondern Gebieter einer Gefühlsregung zu sein.

Wenn man etwas aufgrund vernünftiger Überlegung will, kann und wird man es fuchtlos tun. Außerdem wird man das Vergnügen daran intensiver empfinden, als wenn man dasselbe von seinen Gefühlen und Leidenschaften getrieben – wie ein Süchtiger oder wie im Rausch – täte.3

Denn Ziel der Stoiker ist die ἀπάθεια ‚Gelassenheit‘, die Befreiung von den Affekten, um stattdessen vernunftgeleitet zu handeln. Dagegen ist das Ziel des Peripatos, in Bezug auf die Affekte das rechte Maß zu finden und einzuhalten.4 Dass das überhaupt möglich sei, bezweifelt Seneca:

Nullum est vitium sine patrociniuo; nulli non initium verecundum est et exorabile, sed ab hoc latius funditur. Non obtinebis, ut desinat, si incipere permiseris. Inbecillus est primo omnis adfectus; deinde ipse se concitat et vires, dum procedit, parat. Excluditur facilius quam expellitur. Quis negat omnes adfectus a quodam quasi naturali fluere principio?

Kein Fehler ist ohne Entschuldigung. Für jeden ist der Anfang sittsam und leicht zu verzeihen, aber von da an breitet er sich weiter aus. Du wirst es nicht schaffen, dass er aufhört, wenn du ihm erlaubt hast anzufangen. Schwach ist zu Anfang jede Gefühlsregung; dann verstärkt sie sich selbst und verschafft sich Kraft, während sie voranschreitet. Man kann sie leichter [von vornherein] aussperren als [wieder] austreiben. Wer würde bestreiten, dass alle Gefühlsregungen von einem gewissen, gleichsam natürlichen Anfang ausgehen?

Sen. epist. 116, 2–3

Beispiele

Er belegt das an zwei Beispielen, nämlich Sorge und Genuss:

Curam nobis nostri natura mandavit, sed huic ubi nimium indulseris, vitium est. Voluptatem natura necessariis rebus admiscuit, non ut illam peteremus, sed ut ea, sine quibus non possumus vivere, gratiora nobis illius faceret accessio; suo veniat iure, luxuria est. Ergo intrantibus resistamus, quia facilius, ut dixi, non recipiuntur, quam exeunt.

Die Sorge um uns hat uns die Natur anvertraut, aber sobald du ihr allzu sehr nachgibst, ist sie ein Fehler. Den Genuss hat die Natur den notwendigen Dingen hinzugefügt, nicht damit wir nach ihm [dem Genuss] streben, sondern damit die Dinge, ohne die wir nicht leben können, uns durch sein Hinzukommen angenehmer werden. Wenn er [der Genuss] aber um seiner selbst willen kommt, ist er Genusssucht. Also lasst uns ihnen [den Gefühlsregungen] von Anfang an widerstehen, weil sie leichter, wie ich schon sagte, gar nicht erst zugelassen werden, als dass sie uns wieder verlassen.

Sen. epist. 116,

Die Leidenschaften sind also durchaus natürlich und in gewissem Maße ursprünglich sinnvoll und nützlich, dürfen sich aber nicht verselbständigen. Denn sonst artet die Sorge um sich selbst und den eigenen Körper leicht in übertriebenen Körperkult, Schönheits- und Fitnesswahn aus oder aber in Hypochondrie. Der Genuss bei der Nahrungsaufnahme und der Fortpflanzung führt dann zu Völlerei, Genusssucht und sexueller Ausschweifung.

Was den Fehler bzw. das Lasterhafte an den Affekten ausmacht, ist also der Umgang des Menschen mit ihnen.

Lieben wir unsere Gefühle, Begierden und Laster?

Ein normaler Mensch, so Seneca, sei nicht in der Lage, sich einem Gefühl – wie beispielsweise Schmerz, Trauer oder Liebe – nur in begrenztem Maß hinzugeben und es kontrollieren zu können.5 Der Grund dafür ist für Seneca einfach: Anders als der vollkommene Weise ist der normale Mensch nicht in der Lage, seine Gefühle, Leidenschaften und Fehler zu mäßigen und zu kontrollieren, weil er diese Affekte in Wirklichkeit liebt und gar nicht kontrollieren will.6

Das ist doch eine sehr kühne These! Eine Begründung dafür bleibt Seneca aber schuldig wie weitere konkrete Beispiele. Überzeugt Sie Senecas Positions?

Quid ad nos?

Lässt sich Senecas Position auf unsere Lebenswelt übertragen? Können wir daraus für unsere eigene Lebensführung und unsere Persönlichkeitsentwicklung profitieren? Oder handelt es sich um eine weltfremde Idee?

Zunächst einmal müssen wir uns fragen, welche Arten von Gefühlsregungen, Affekten und Leidenschaften uns denn überhaupt betreffen: Schmerz, Trauer, Leid, Unlust, Begierde, Lust, Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Liebe, Hass, Sehnsucht, Eifer, Mut und Mitleid? Sind diese Regungen habitualisiert, sozusagen ein dauerhafter Charakterzug von uns? Oder befallen uns diese Affekte nur gelegentlich für kurze Zeit?

Außerdem müssen wir uns darüber klar werden, wie sich diese Gefühlsregungen konkret manifestieren: Lassen wir uns vom Eifer zu einer Sache so hinreißen, dass wir alles um uns herum vergessen und wichtige Dinge vernachlässigen oder uns und andere in Gefahr bringen? Bringen Wut, Hass oder Zorn uns dazu, Dinge zu tun, die wir im Nachhinein bereuen? Sind wir vor Liebe blind? Macht uns Trauer dauerhaft depressiv und handlungsunfähig? Verleitet uns Lust zu „Dummheiten“? Bringt uns unüberlegter Mut in ernsthafte Gefahr? …

Es könnte zumindest hilfreich sein, einmal „Inventur“ zu machen.

Und natürlich müssen wir uns auch bewusst werden, ob wir diese Gefühlsregungen überhaupt kontrollieren wollen? Vielleicht genießen wir es ja oder brauchen es zumindest, uns einem solchen Gefühl hinzugeben. Vielleicht hilft es uns, uns auch einmal gehen zu lassen. Meint Seneca das damit, wenn er behauptet, dass wir unsere Affekte lieben?

Haben Sie schon einmal versucht, solche Regungen zu „kontrollieren“, wie es die Peripatetiker empfehlen? Ist Ihnen das gelungen? Oder haben Sie die Erfahrung gemacht, dass es leichter ist, sich erst gar nicht auf eine solche Regung einzulassen?

Probieren Sie es aus! Ich bin gespannt, welche Erfahrungen Sie damit machen.

Literaturempfehlungen:

  • Magnus Frisch, Utrum satius sit modicos habere adfectus an nullos. Seneca ep. 116 im Unterricht, in: Der Altsprachliche Unterricht 55.4–5 (2012), S. 74–83.
  • Ilse Hadot, Seneca und die griechisch-römische Tradition der Seelenleitung, Berlin 1969 (Quellen und Studien zur Geschichte der Philosophie; Bd. 13).
  • Ulrich Knoche, Der Philosoph Seneca, Frankfurt a. M. 1933.
  • Gregor Maurach, Seneca. Leben und Werk, Darmstadt ²1996.
  • Martha C. Nussbaum, The Therapy of Desire. Theory and Practice in Hellenistic Ethics, Princeton (New Jersey) 1994 (Martin Classical Lectures, New Series; vol. 2).
0
  1. Vgl. ferner M. Nussbaum, Therapy of Desire, S. 366 u. 390 sowie I. Hadot, Seneca und die griechisch-römische Tradition der Seelenleitung, S. 45.
  2. Vgl. J. Hirschberger, Geschichte der Philosophie. Bd. 1: Altertum und Mittelalter, Freiburg i. Br. 1980, S. 260.
  3. Vgl. M. Frisch, Utrum satius sit modicos habere adfectus an nullos? in: Der Altsprachliche Unterricht 55.4–5 (2012), S. 77.
  4. Vgl. Arist. NE II, 4, 1105b.
  5. Vgl. Sen. epist. 106, 4–7.
  6. Vgl. Sen. epist. 106, 8.

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