Omnia mea mecum porto – Wie Sie sich von materiellem Besitz unabhängig machen

Frau mit Rucksack macht Luftsprung - omnia mea mecum porto
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Stellen Sie sich einmal Folgendes vor: Ihre Heimatstadt wurde gerade von feindlichen Truppen eingenommen. Die Stadt steht in Flammen. Sie haben Ihr gesamtes Vermögen verloren. Ihre Familie ist gefangen genommen oder getötet worden. Alle Ihre Nachbarn versuchen, so viel wie möglich von ihrem Besitz auf die Flucht mitzunehmen.

Was geht in Ihnen vor? Woran denken Sie? Wie reagieren Sie?

Sind Sie am Boden zerstört? Verzweifelt? Versuchen Sie, noch irgendetwas zu retten? Wie reagieren Sie? Wie wird Ihr Leben weitergehen?

Omnia mea mecum porto in der stoischen Philosophie

Die oben geschilderte Situation wurde von stoischen Philosophen in der Antike gerne angeführt, um ihr Ideal der Bedürfnislosigkeit des Weisen zu veranschaulichen.

Sie wird manchmal Bias von Priene zugeschrieben, manchmal Stilpon.

Bias von Priene auf der Flucht (Val. Max. 7, 2, 3 und Cic. parad. I 8-9)

Als die Stadt Priene im 6. Jh. v. Chr. von Feinden eingenommen wurde, sollen deren Einwohner versucht haben, viele ihrer Habseligkeiten auf der Flucht mitzunehmen. Einzig Bias, der später als einer der Sieben Weisen galt, soll alle seine Besitztümer zurückgelassen haben und nur mit dem, was er auf dem Leib hatte, geflohen sein.

Als er von anderen ermahnt wurde, auch seinen Besitz mitzunehmen, soll er gesagt haben:

Ego vero […] facio, nam omnia mecum porto mea.

Das tue ich tatsächlich, denn alles, was mein ist, trage ich bei mir.

Cicero, Paradoxa Stoicorum I 8

Cicero deutet Bias‘ Ausspruch so, dass dieser geglaubt habe, dass ihm die ludibria fortunae ‚Spielzeuge des Schicksals‘ nicht wirklich gehörten. (Cic. parad. I 9)

In der Fassung, die bei Valerius Maximus überliefert ist, heißt es, Bias sei gefragt worden, warum er nichts von seinem Besitz bei sich trage, und habe darauf geantwortet:

Ego vero […] omnia mea mecum porto.

Ich trage wirklich alles, was mein ist, bei mir.

Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 7, 2, 3

Valerius Maximus erklärt dazu:

Pectore enim illa gestabat, non humeris, nec oculis visenda, sed aestimanda animo.

In seiner Brust nämlich, nicht auf den Schultern, trug er jene Dinge, die nicht mit den Augen zu sehen sind, sondern in der Seele zu würdigen.

Val. Max. 7, 2, 3

Stilpon in Gefangenschaft (Sen. ep. 9, 18-19 und Sen. de const. 5, 5-6)

Der Weise ist sich selbst genug (Sen. ep. 9)

Seneca legt den Ausspruch dagegen dem Philosophen Stilpon in den Mund. Dieser soll 307 v. Chr. nach der Einnahme seiner Heimatstadt Megara durch den makedonischen Feldherrn Demetrios Poliorketes, als die Stadt in Flammen stand und er seine Frau und seine Kinder verloren und nur sein bloßes Leben gerettet hatte, von makedonischen Soldaten umstellt und von ihrem Feldherrn Demetrios gefragt worden sein, ob er etwas verloren habe. Darauf habe er geantwortet:

Omnia […] bona mea mecum sunt.

Alle meine Güter sind bei mir.

Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 9, 18

beziehungsweise:

Nihil […] perdidi […]. Omnia mea mecum sunt.

Nichts habe ich verloren. Alles, was mein ist, ist bei mir.

Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 9, 19

Und Seneca erklärt gleich darauf, was Stilpon gemeint habe:

iustitia, virtus, prudentia, hoc ipsum. Nihil bonum putare, quod eripi possit.

Eben dieses: Gerechtigkeit, Tugend, Klugheit. Nichts [dagegen] soll man für ein Gut halten, was einem entrissen werden kann.

Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 9, 19

Das einzige, was Stilpon geblieben ist, sind also seine Tugenden. Ausgangspunkt für die Argumentation Senecas ist die Auseinandersetzung mit der Frage, ob der Weise sich selbst genug sei und ob er Freunde brauche.1 In diesem Kontext gebraucht Seneca das Beispiel Stilpons, um zu zeigen, dass der Weise sich eben wirklich selbst genug sei. Weder der Verlust seiner Güter noch der Verlust seiner Familie und Freunde noch der Verlust seiner Freiheit noch die Gefahr des Todes können ihn bezwingen und seinem Glück etwas anhaben.2

Der Weise kann nichts verlieren, was er als Verlust empfinden wird (Sen. de const. 5, 5-6)

Das Vorbild Stilpons ist für Seneca so eindrucksvoll, dass er es noch an anderer Stelle verwendet: In seiner Schrift De constantia sapientis ‚Über die Standhaftigkeit des Weisen‘ berichtet er dieselbe Szene noch einmal, mit dem Unterschied, dass nun die Töchter Stilpons auch noch von den Makedonen entführt worden seien und Demetrios ihn von oben herab befragt habe. Die Antwort freilich bleibt die gleiche: Nichts habe er verloren; alles, was sein sei, habe er bei sich. (Sen. de const. 5, 6)

Die These, die Seneca in De constantia sapientis mit dem Beispiel Stilpons illustriert, lautet: Der Weise könne nichts verlieren, was er als Verlust empfinden würde. Denn nur seine Tugenden gehörten ihm wirklich, alles andere nutze er nur precario ‚auf Widerruf‘ bzw. ‚wie etwas Geborgtes‘, d. h. wie etwas, das einem jemand anderes auf Bitten hin gewährt hat und jederzeit zurückfordern kann.3 Alles außer den eigenen Tugenden gehört dem Menschen nach diesem stoischen Verständnis gar nicht.

Von Weisen und Menschen

Auch wenn in diesen Beispielen immer von „Weisen“ die Rede ist, einem philosophischen Idealkonzept der Stoa, sind die geschilderte Haltung und die zugrundeliegenden Thesen nach Meinung Ciceros und Senecas doch grundsätzlich für alle Menschen vorbildhaft.

Denn beide vertreten die Ansicht, dass das Ideal des Weisen nur von sehr wenigen Menschen erreicht werden könne.4 Seneca teilt die Menschen deshalb in Bezug auf die Weisheit in drei Gruppen ein: die sapientes ‚Weisen‘, die stulti ‚Unwissenden‘ bzw. ‚Toren‘ und dazwischen die Gruppe der proficientes ‚auf dem Weg Befindlichen‘.5 Und zu diesen „auf dem Weg Befindlichen“ lassen sich alle diejenigen zählen, die nach Weisheit streben und sich mit philosophischen Fragen befassen – also auch Sie und ich.

Was bedeutet das für uns?

Ich wünsche Ihnen und uns allen von ganzem Herzen, dass Sie und wir niemals in die Situation des Bias oder des Stilpon geraten. Dennoch sind solche Situationen für viele Menschen auf der Welt auch heute noch Realität.

Aber auch wenn Sie in Sicherheit und relativem Wohlstand leben, lohnt es sich, sich mit dem Konzept „omnia mea mecum porto“ auseinanderzusetzen und es vielleicht sogar zur eigenen Maxime zu machen.

Omnia mea mecum porto – Kernaspekte

Wenn wir es auf die wesentlichen Kernpunkte herunterbrechen, bedeutet es:

  • Materiellen Besitz und Lebensumstände können wir nicht – oder nur sehr eingeschränkt – kontrollieren.
  • Deshalb dürfen wir uns und unser Glück nicht davon abhängig machen.
  • Einzig unsere Tugenden – und wohl auch andere Charaktereigenschaften – gehören uns.

Die Liste dessen, was man einem Menschen nicht wegnehmen kann, lässt sich meines Erachtens allerdings noch um weitere Aspekte ergänzen: unser Wissen, erworbene Fähigkeiten und Fertigkeiten und die Fähigkeit, uns neuen Situationen anzupassen und so weiterleben oder neu anfangen zu können.

Unabhängigkeit von den Umständen und von materiellem Besitz

Verlust von geliebten Menschen

Am schwersten ist es sicherlich, mit dem Verlust von geliebten Menschen zurechtzukommen. Trauern muss erlaubt sein! Allerdings darf die Trauer uns nicht über längere Zeit handlungs- und lebensunfähig machen.

Plötzliche Änderung der Lebensumstände

Ebenso schwer fällt es sicherlich, wenn die gewohnten Lebensbedingungen sich plötzlich ändern: durch Arbeitslosigkeit, einen beruflich bedingten Umzug, das Zerbrechen einer Beziehung oder einer Freundschaft, … Aber – so hart das auch klingt – in den wenigsten Fällen ist in unserer Gesellschaft durch solche Ereignisse das eigene Leben und Weiterleben gefährdet. Ich verlange von Ihnen sicher nicht, über solche Ereignisse, die Ihr Leben aus der Bahn werfen, glücklich zu sein. Aber machen Sie sich bewusst: Das ist nicht das Ende! Alles, was Sie brauchen, tragen Sie in sich.

Haltung zu materiellem Besitz

Doch was materiellen Besitz angeht, sollten Sie der Maxime „omnia mea mecum porto“ uneingeschränkt folgen. Natürlich ist, wie der Volksmund sagt, Haben besser als Brauchen. Und ich gönne es Ihnen von Herzen, wenn Sie viel haben. – Seneca war übrigens nach heutigen Maßstäben Millionär. – Niemand erwartet von Ihnen, dass Sie freiwillig auf Ihren Besitz verzichten, Minimalist werden oder nur mit 100 Dingen auskommen. Ich erwarte auch nicht von Ihnen, dass Sie glücklich sind, wenn man Ihnen etwas raubt oder stiehlt oder wenn Sie etwas verlieren.

Aber machen Sie sich nicht abhängig von Ihrem Besitz und materiellen Gütern. Denn nicht das, was Sie besitzen, macht Sie zu der Person, die Sie sind. Das, was Sie wissen, können, empfinden, fühlen – das macht Sie zu der Person, die Sie sind. Und diese Person bleiben Sie auch, wenn Sie Ihren Besitz oder einen Teil davon verlieren. Alles das nämlich, was wesentlich ist, tragen Sie in sich.

Omnia mea mecum porto – Mit leichtem Gepäck reisen

Mann mit Rucksack im Dschungel
Mit leichtem Gepäck im Dschungel des Lebens

Die Band Silbermond bringt es in Ihrem Song „Leichtes Gepäck“ auf den Punkt:

Ob Sie nun wirklich 99 % nicht brauchen oder ob die Verhältnisse bei Ihnen etwas anders liegen, nehmen Sie aus dem Song doch für sich als Maxime mit:

[…]
Ab heut, nur noch die wichtigen Dinge,
ab heut, nur noch leichtes Gepäck!

Denn eines Tages, fällt dir auf,
es ist wenig, was du wirklich brauchst.
Also nimmst du den Ballast
und schmeißt ihn weg,
Denn es lebt sich besser,
so viel besser
mit leichtem Gepäck.

Silbermond, Leichtes Gepäck

Machen Sie sich unabhängig von Besitz, indem Sie sich nicht davon bestimmen lassen! Verzichten Sie – wenigstens gelegentlichbewusst und gezielt auf materielle Güter, Komfort und Annehmlichkeiten. Reisen Sie mit leichtem Gepäck! Denn Sie haben alles, was Ihnen wirklich gehört und was Sie ausmacht, immer bei sich. Mit dieser Haltung können Sie außerdem ihren Besitz ganz anders genießen und würdigen.

Wenn Sie mit leichtem Gepäck reisen, unabhängig von emotionalen Bindungen an materielle Güter, bietet sich Ihnen zudem leichter die Möglichkeit, ganz neue Wege einzuschlagen und die Welt und das Leben zu entdecken.

Backpacker unterwegs
  1. Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 9, 1. Seneca nimmt Epikurs Kritik an Stilpon (Epikur frgm. 174) zum Anlass, die Unterschiede zwischen epikureischen und stoischen Vorstellung vom Weisen und seinem Umgang mit Unglück: Während der stoische Weise Unannehmlichkeiten zwar als solche empfindet, aber diese überwindet, empfindet ein epikureischer Weiser gar keine Unannehmlichkeiten (Sen. ep. 9, 2-3).
  2. Vgl. Sen. ep. 9, 19-22.
  3. Das Adverb precario ist ein erstarrter Ablativ zum Adjektiv precarius ‚zum Bitten gehörig‘ bzw. ‚auf Bitten gewährt‘.
  4. Vgl. dazu z. B. Cicero, Laelius de amicitia 18.
  5. Vgl. dazu z. B. Sen. ep. 16, 1-2; 45, 4; 57, 4; 71, 34-37; 75, 8-18; 81, 13 u. 89, 4-6.

5 Kommentare

  1. Zu dem Thema passt wohl auch, unter anderen, jene Erkenntnis, welche bisher in meinem Leben mir richtig erschien und in schwierigen Zeiten auch weitergeholfen hat: Wir können bei unserem allerletzten Gang nichts mitnehmen, soviel wir auch im Leben zuvor besessen und angehäuft haben mögen.
    Diese Erkenntnis ist in dem Satz zusammengefasst: „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“
    (Oder wenn man es etwas abgewandelt und mehr schlecht als recht in mein Küchenlatein übersetzt haben möchte: „Nullam bursam camisia ultima habebit.“)

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    1. Ganz genau. Das ist ein etwas anderer Aspekt derselben Grunderkenntnis. Das Motto „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“ verdeutlicht auch sehr schön, dass es nicht darum geht, im Leben keinen Besitz haben zu dürfen, sondern vielmehr nicht davon abhängig zu sein, weil er auf jeden Fall endlich ist.

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  2. Ich besitze seit ueber 15 Jahren nix mehr

    in diesen Jahren sammelte sich in mir meine so lang gesehnte Ruhe die sich dann als wundervolle fliessend Kraft mir taeglich sanfde leichte Freude schenkt

    im fuehlend Erkennen DAS IS und akzeptieren SO IS´ts offenabrten sich mir alle wirkenden kosmischen also NATURlich wirkende Gesetze und bewiesen mir mein ehemals naives Vertrauen im SOSEIN

    ich fuehle mich heute gluecklich und FREI
    und kann die hier angesprochenen Weisen im eigenen Erfahren freudevoll bestaetigen

    Lieben Gruss
    Allrose EROSA

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