Was Männerschnupfen mit Philosophie zu tun hat

Männerschnupfen

Der berüchtigte „Männerschnupfen“

Kennen Sie den berüchtigten „Männerschnupfen?“ Man sagt den Männern, dem sogenannten „starken Geschlecht“, nach, dass sie bei harmlosen Erkältungskrankheiten viel intensiver leiden als Frauen. Frauen behaupten dann gerne, der Mann steigere sich in die Erkältung hinein. Dabei hat die Wissenschaft festgestellt, dass Erkältungskrankheiten den Männern tatsächlich mehr zu schaffen machen.1

Und was hat das nun mit Philosophie zu tun?

Unabhängig davon, ob das stärkere Leiden von Männern an Erkältungskrankheiten nun echt oder eingebildet, ob es nun wissenschaftlich begründet ist oder nicht, stellt sich die Frage: Wie kommt es, dass „Mann“ – oder auch Frau – manchmal in widrigsten Situationen, unter größten Anstrengungen und Schmerzen Höchstleistungen erbringt und manchmal im Alltag von den scheinbar harmlosesten Zipperlein außer Gefecht gesetzt wird?

Woran liegt das? Warum geben wir manchmal schnell auf und ertragen ein andermal Schmerzen problemlos? Natürlich gibt es einige Menschen, die immer schnell aufgeben. Manche Leute sind Hypochonder und wähnen hinter jedem Schnupfen und jedem Jucken gleich eine lebensgefährliche Krankheit. Aber um die soll es hier nicht gehen. Was lässt denselben Menschen mal große Schmerzen aushalten und mal schon beim kleinsten Halskratzen wehleidig werden?

Cicero, Tusculanae disputationes 2

Cicero diskutiert im zweiten Buch seiner Tusculanae diputationes die Frage, ob der Schmerz ein Übel sei. Im Rahmen dieser Diskussion erörtert er umfangreich, wie man Mühen ertragen und Schmerzen aushalten kann.

Nun kennt er zwar noch nicht das moderne Phänomen des „Männerschnupfens“, bringt aber ein ähnliches Beispiel:

Aniculae saepe inediam biduum aut triduum ferunt. subduc cibum unum diem athletae: Iovem, Iovem Olympium, eum ipsum, cui se exercebit, inplorabit, ferre non posse clamabit.

Alte Frauen ertragen oft zwei oder drei Tage lang Fasten. Aber nimm einen einzigen Tag lang einem Athleten das Essen weg, Juppiter, den olympischen Juppiter, für den er trainiert, wird er anflehen und er wird schreien, dass er es nicht ertragen könne.

Cicero, Tusculanae disputationes 2, 40.

Gewöhnung und Motivation

Als Ursache dafür identifiziert Cicero vor allem die fehlende Gewohnheit und Übung. Die Hochleistungssportler aus seinem Beispiel mussten eben noch nie zuvor hungern, darum ertragen sie es nicht. Aber an körperliche Höchstleistungen und Schmerzen im Training und im Wettkampf sind sie gewöhnt. Sie gehören dazu, wenn man siegen will.

Cicero bringt noch weitere Beispiele für Menschen, die außergewöhnliche Anstrengungen, Entbehrungen und Schmerzen ertragen, um ein Ziel zu erreichen: z. B. Jäger, die ihrer Beute auflauern, sowie Faustkämpfer und Gladiatoren, die siegen und Ruhm erringen wollen.2

Zwei Elemente spielen hier eine Rolle:

  1. Wenn man an Entbehrungen, Anstrengungen und Schmerzen gewöhnt ist, erträgt man sie leicht.
  2. Wenn man ein Ziel hat, das man erreichen will, erträgt man die Widrigkeiten, die einem auf dem Weg dahin begegnen, leichter, weil man das Erreichen des Ziels höher bewertet als die Schwierigkeiten. Man betreibt, wenn auch oft unbewusst, Güterabwägung. (Wenn dieses Verhältnis „kippt“ und die Anstrengungen und Schmerzen subjektiv in keinem angemessenen Verhältnis mehr zu den erhofften positiven Effekten des Zielerreichens stehen, gibt man auf.)

Auf den „Männerschnupfen“ bezogen bedeutet das:

  1. Die Anstrengungen körperlicher Arbeit o. ä. machen einem nichts aus, wenn man daran gewöhnt ist. Wenn man dann aber einmal im Jahr einen Schnupfen bekommt, obwohl man sonst immer kerngesund ist, weiß man einfach nicht, „angemessen“ darauf zu reagieren.
  2. Wenn eine wichtige Deadline naht, wenn man motiviert ist, ein Ziel zu erreichen, dann lässt man sich dabei auch nicht von einem kleinen Schnupfen oder Husten davon abhalten, sondern gibt sein Bestes.

Vernunft und Tugend

Laut Cicero ist es eine Frage der Einstellung, wie wir mit Schmerzen u. ä. umgehen: Wenn wir Schmerzen und Anstrengungen, Leid und Krankheit als ein Übel betrachten, leiden wir umso mehr darunter.3

Er schlägt vor, stattdessen die Tugend als höchstes Gut und die Schande als höchstes Übel anzusehen: sich ein Vorbild an denen zu nehmen, die Schmerzen, Anstrengungen und Krankheit aushalten, ohne zu jammern, und nicht schwächer und weichlicher als diese sein zu wollen.4

Die Lösung ist also Selbstbeherrschung, die Herrschaft der Vernunft in uns über unsere Schwächen:

est in animis omnium fere natura molle quiddam, demissum, humile, enervatum quodam modo et languidum. si nihil esset aliud, nihil esset homine deformius; sed praesto est domina omnium et regina ratio, quae conixa per se et progressa longius fit perfecta virtus. haec ut imperet illi parti animi, quae oboedire debet, id videndum est viro.

Es gibt in den Seelen aller etwas beinahe von Natur aus Weichliches, Kleinmütiges, Niedriges, auf gewisse Weise Schwaches und Mattes. Wenn es nichts anderes gäbe, dann wäre nichts missgestalteter als der Mensch. Aber als Herrin und Königin über alles ist die Vernunft zugegen, die aus sich selbst heraus aufrafft und weiter fortschreitend zur vollkommenen Tugend wird. Dafür, dass diese über jenen Teil der Seele befehle, der gehorchen soll, muss ein Mann Sorge tragen.

Cicero, Tusculanae disputationes 2, 47

Es geht nicht darum, alles zu ertragen und sich selbst in Gefahr zu bringen oder zu schädigen, sondern darum, der eigenen Schwäche mit Vernunft zu begegnen. Was heißt das?

Im Falle von Anstrengung

Fragen Sie sich, ob Sie wirklich nicht mehr können oder vielleicht einfach nicht mehr wollen. Vielleicht liegt es an mangelnder Motivation? Vielleicht wissen Sie nicht, warum Sie eine Anstrengung überhaupt auf sich nehmen sollten, wofür sie etwas überhaupt tun.

Überlegen Sie: Will ich das Ziel erreichen? Ist es mir diese Anstrengung wert? Wägen Sie die Folgen, die eintreten, wenn Sie die Anstrengung auf sich nehmen, gegen die ab, die eintreten, wenn Sie es nicht tun. Wenn Sie das Ziel wirklich erreichen wollen und es für Sie, für Ihr Team oder Ihre Familie wirklich wichtig ist, dann machen Sie sich das bewusst. Dann können Sie die Anstrengung aushalten und meist sogar noch mehr schaffen.5

Und wenn Sie kein geeignetes „Warum?“ für sich finden, keinen Grund, um sich weiter zu quälen? Dann lassen Sie es sein und suchen sich etwas, für das es sich lohnt, sich anzustrengen und über seine Grenzen zu gehen!

Im Falle von Schmerzen und Krankheit

Was, wenn Sie Schmerzen haben, erkältet sind oder anderweitig krank? Wenn Sie wirklich krank sind, sind Sie eben krank! Dann sollten Sie zum Arzt gehen, sich krank melden, eventuell Medizin nehmen und sich auch auskurieren. Wenn Sie Fieber haben, gehören Sie ins Bett. Wenn etwas länger oder sehr intensiv schmerzt, sollten Sie auf jeden Fall die Ursache klären (lassen) und dem Körper die nötige Ruhe und Pflege geben, die er braucht, damit Sie schnell wieder fit sind.

Aber Vorsicht: Sind Sie wirklich so schwer erkältet, dass Sie ins Bett gehören und sich auskurieren müssen, oder läuft nur die Nase und der Hals kratzt ein wenig? Sind Sie wirklich krank oder ist das Unwohlsein oder der leichte Schmerz nur ein willkommener Grund, kürzer treten zu können?

Machen Sie sich bewusst, wie es Ihnen geht! Können Sie noch arbeiten oder gefährden Sie sich, Ihre Gesundheit oder den Heilungsprozess damit?

Schmerz und Schwäche contra Selbstbeherrschung, Vernunft und Tugend

Der „Männerschnupfen“ ist natürlich nur ein Beispiel für Situationen, in denen wir leicht dazu neigen, aufzugeben und uns gehen zu lassen. Und hier kommt die Philosophie als Lebenskunst ins Spiel: sich die eigene Situation bewusst machen und sie in Bezug zu den eigenen Zielen, aber auch in Bezug zu den Folgen eines Aufgebens oder Sich-gehen-Lassens zu setzen; bewusst und vernünftig zu entscheiden, wie man mit der Situation umgeht.

Cicero empfiehlt, in Einklang mit der stoischen Affektenlehre, als Heilmittel gegen den Schmerz und überhaupt alle Schwächen und Affekte, sich selbst aufzurichten, sich aufzuwecken, zu bewaffnen und dem Schmerz wie einem Feind gegenüberzutreten, sich außerdem nachahmenswerte Vorbilder vorzustellen und ihnen nachzueifern und sich so zu beherrschen, dass man schließlich die Schwäche besiegt.6

Hilft Philosophie nun bei „Männerschnupfen“?

Natürlich war das Beispiel des „Männerschnupfens“ für mich vor allem ein Aufhänger für den Blogartikel, der Versuch einer modernen Konkretisierung für ein antikes philosophisches Konzept. Dennoch kann Ihnen die Philosophie in zweifacher Hinsicht bei „Männerschnupfen“ u. ä. Problemen helfen, ganz unabhängig davon, welchem Geschlecht Sie sich zugehörig fühlen:

  1. Sie kann Sie dazu bringen, sich der tatsächlichen Schwere oder Harmlosigkeit Ihres Leidens bewusst zu werden und bewusst zu entscheiden, sich davon nicht umwerfen zu lassen, oder sich bewusst zu entscheiden, alles Nötige zu tun, um wieder gesund werden zu lassen, ohne sich dabei gehen zu lassen.
  2. Wenn Sie wirklich krank sind und sich auskurieren müssen, kann Ihnen das Philosophieren und die Beschäftigung mit Philosophie die Zeit vertreiben und Ihr „Leiden“ erträglicher machen.

Bleiben Sie gesund!


2+
  1. Mehr dazu auf den Websites von maennergesundheit.de und spektrum.de.
  2. Vgl. Cic. Tusc. disp. 2, 40–41.
  3. Vgl. Cic. Tusc. disp. 2, 45.
  4. Vgl. Cic. Tusc. disp. 2, 45–46.
  5. Ich gebe hier nur mal als Stichwort die 40-Prozent-Regel: Wenn Sie glauben, nicht mehr schaffen zu können, sind Sie oft erst bei ca. 40 % Ihrer Leistungsfähigkeit. Ihr Körper hat große Kraft- und Leistungsreserven für Notfälle und Extremsituationen. Aber passen Sie auf: Diese Reserven sind nicht dazu da, permanent angegriffen und aufgebraucht zu werden! Vgl. dazu auch: David Goggins, Can’t Hurt Me: Master Your Mind and Defy the Odds, 2018.
  6. Vgl. Cic. Tusc. disp. 2, 51–58.

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