Wie Sie in wenigen Tagen Ihren Charakter stärken und sich gegen Schicksalsschläge abhärten

Bild eines Frühstücksbretts mit Brot und Käse
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In wenigen Tagen den eigenen Charakter stärken und sich dabei auch noch gegen Schicksalsschläge abhärten? Sie denken jetzt wahrscheinlich: Nun übertreibt er es aber. Das klingt ja wie eine dieser reißerischen Versprechungen für Diäten oder Fitnessprogramme, die einem versprechen, ohne großen Aufwand in kurzer Zeit seine Ziele zu erreichen.

Kaum zu glauben also? Aber genau das stellt Seneca seinem Freund Lucilius in Aussicht.1

Seneca war stoischer Philosoph. Zudem hat er als Erzieher und späterer Minister des römischen Kaisers Nero mit der Seelenleitung und mit Schicksalsschlägen intensive persönliche Erfahrungen gemacht. Deshalb lohnt es sich, dass wir ihn ernst nehmen und uns mit seinem Ratschlag auseinandersetzen.

Wie stärkt man denn nun in kurzer Zeit seinen Charakter und härtet sich zugleich noch gegen mögliche Schicksalsschläge ab?

Senecas Ratschlag ist denkbar einfach:

[…] Interponas aliquot dies, quibus contentus minimo ac vilissimo cibo, dura atque horrida veste dicas tibi: „Hoc est, quod timebatur?“

In ipsa securitate animus ad difficilia se praeparet et contra iniurias fortunae inter beneficia firmetur. […]

Du sollst einige Tage einschieben, an denen du dich mit sehr wenig und sehr billiger Nahrung sowie mit einfacher und schlichter Kleidung zufrieden gibst und sagst: „Das ist es, wovor ich mich gefürchtet habe?“

Gerade in Zeiten der Sorgenfreiheit soll sich die Seele auf Schwierigkeiten vorbereiten und gegen die Ungerechtigkeiten des Schicksals soll sie sich schon während dessen Wohltaten stählen.

Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 18, 5–6

Zeitweiliger Verzicht ohne religiöse Fastenvorschriften

Die Aufforderung, einige Tage lang nur wenig und einfach zu essen, klingt ähnlich wie religiöse Fastenvorschriften. Der Rat zu einfacher Kleidung – ganz wörtlich sogar dura atque horrida ‚hart und rau‘ – erinnert schon fast an ein Büßerhemd, doch das meint Seneca hier keinesfalls. Es geht ihm nicht um Religion, dauerhafte Askese oder Buße.

Sich seiner eigenen Bedürfnislosigkeit bewusst werden

Ziel dieser mehrtägigen Übung ist es, sich bewusst zu machen, mit wie wenig ein Mensch problemlos auskommen kann. Es geht nicht darum, zu hungern oder zu dursten, nicht darum, sich zu kasteien oder wochenlang zu fasten. Es geht darum, die Angst davor zu verlieren, dass man nach einem Schicksalsschlag seinen gewohnten Wohlstand und seine gewohnten Lebensbedingungen verlieren könnte.

Dazu genügt ein zeitweiliger Verzicht – wenn auch wohl nicht unbedingt einmalig, sondern regelmäßig, z. B. einmal im Jahr, vielleicht sogar gerade dann, wenn andere sich Ausschweifungen hingeben.2

Dass man Verlockungen widersteht, stärkt den Charakter. Die Erkenntnis, dass man einige Tage lang zeitweilig Verzicht geübt hat, obwohl man nicht dazu gewungen war, macht einem die eigene Charakterstärke bewusst. Denn diese Übung gewinnt ihre Wirkung gerade daraus, dass sie freiwillig und bewusst durchgeführt wird und nicht durch religiöse Vorschriften oder durch Bräuche vorgegegen wird.3

Wie lange dauert denn solch ein zeitweiliger Verzicht?

Seneca empfiehlt, diese Übung drei bis vier Tage lang durchzuführen, eventuell auch mehr, damit sie eine echte Probe und Übung für die eigene Willenskraft und Charakterstärke ist. Ein oder zwei Tage wären zu wenig, um eine echte Wirkung zu zeigen.4

Kein Grund zum Stolz!

Dass Sie es einige Tage lang mit wenig und einfacher Nahrung und einfacher Kleidung aushalten, sollte Sie aber nicht mit Stolz erfüllen. Es gibt viele Menschen auf der Welt, die jeden Tag unter solchen und noch schlechteren Bedingungen leben.5

Konkrete Übungsvorschläge für zeitweiligen Verzicht

Seneca macht auch ganz konkrete Vorschläge für zeitweiligen Verzicht in Bezug auf Wohnkomfort, Nahrung und Kleidung:6

  • eine einfache Liege
  • ein einfacher Mantel
  • hartes und einfaches Brot

Diese Anregungen können Sie ohne weiteres an Ihre persönlichen Lebensumstände anpassen. Wie könnten Sie zeitweilig Ihren Wohnkomfort und Ihre Lebensbedingungen einschränken? Was bedeutet für Sie einfache Kleidung? Was wäre für Sie eine einfache Ernährung? Mit wie wenig Nahrung können Sie auskommen, ohne ernsthaft zu hungern?

Zitat aus Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 18, 6
Zitat aus Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 18, 6

Überblick

Fassen wir zusammen! Wichtig sind folgende Aspekte:

  • Die Übung wird freiwillig ausgeführt.
  • Ziel ist es, sich klar bewusst zu machen, dass man problemlos auf liebgewordene Lebensgewohnheiten, Komfort und Vergnügungen verzichten und dabei sogar noch Genuss empfinden kann.
  • Die Übung ist auf wenige Tage beschränkt.
  • Die Übung wird durchgeführt, wenn es einem gut geht und man keinen besonderen widrigen Bedingungen von außen ausgesetzt ist.
  • Zeitweiligen Verzicht auszuhalten, ist kein Grund, stolz auf sich zu sein.

Fazit

In wenigen Tagen durch Verzicht dauerhaft seinen Charakter zu stärken und sich auf Schicksalsschläge vorzubereiten gelingt sicher nicht dadurch, dass man ein einziges Mal drei bis vier Tage Verzicht übt. Aber schon das erste Mal macht einem bewusst, wie wenig ein Mensch wirklich zum Leben braucht.

Schlimm erscheinen uns Umstände, in denen wir plötzlich auf liebgewonnene Gewohnheiten und den gewohnten Komfort verzichten müssen, ohne etwas dagegen tun zu können, aufgrund des Kontrasts zu ebendiesen „normalen“ Lebensbedingungen.

Solange die zur Verfügung stehenden Ressourcen es uns immer noch ermöglichen, zu leben und gesund zu bleiben, besteht keine ernsthafte Gefahr. Solange wir ein Dach über dem Kopf haben, Brot zu essen, Wasser zu trinken, Kleidung, um nicht zu frieren, können wir zufrieden und dankbar sein. Wie viele Menschen auf der Welt haben es nicht so gut?

Die nicht bloß abstrakte, sondern am eigenen Leib erfahrene Erkenntnis, wie wenig doch ausreicht, um – sogar einigermaßen gut – zu leben, kann so dazu beitragen, unsere eigenen Maßstäbe neu auszurichten und uns darüber klar zu werden, wie gut es uns eigentlich geht.

Wenn Sie dann aus heiterem Himmel vom Schicksal getroffen werden, können Sie durchatmen und sich sagen: Ich kann auch mit wenig auskommen und unter einfacheren Umständen leben.

Jedes Jahr einmal für einige Tage freiwilligen Verzicht zu üben, kann Sie also sogar glücklicher machen. Probieren Sie es aus!7

Fragen und Anregungen:

  • Haben Sie schon einmal bewusst für einige Zeit auf etwas verzichtet?
    • Wie haben Sie sich dabei gefühlt?
    • Was haben Sie empfunden, nachdem Sie die Dinge oder Lebensumstände, auf die Sie verzichtet hatten, wieder genießen konnten?
  • In Bezug auf welche Lebensbereiche würden Sie zeitweilig Verzicht üben?
    • Warum?
  • Mit wie wenig Geld können Sie für Ihren Lebensmitteleinkauf auskommen, ohne Hunger und Durst zu leiden?
  • Wie könnte für Sie eine einfachere und kostengünstigere Nahrung im Vergleich zu ihrem sonstigen Lebensstandard aussehen?
  • Haben Sie schon einmal durch Schicksalsschläge Ihre gewohnten Lebensbedingungen gezwungenermaßen deutlich einschränken müssen?
    • Was haben Sie dabei empfunden?
    • Wie sind Sie mit dieser Verschlechterung Ihrer Lebensumstände umgegangen?
  • Was würden Sie Seneca auf seine Ratschläge entgegnen? Was würden Sie ihn gerne fragen? (Nutzen Sie dazu gerne die Kommentarfunktion!)

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  1. Seneca, Epistulae ad Lucilium 18.
  2. Ausgangspunkt der Argumentation Senecas sind nämlich die ausschweifenden Saturnalien, die in Rom im Dezember stattfanden. Seneca setzt sich mit der Frage auseinander, ob man sich den Vergnügungen, Bequemlichkeiten und ausschweifenden Gelagen anschließen oder sich ihnen besser fernhalten solle. (Sen. epist. 18, 1–2)
  3. Vgl. Sen. epist. 18, 8 u. 11.
  4. Vgl. Sen. epist. 18, 7.
  5. Vgl. Sen. epist. 18, 8.
  6. Sen. epist. 18, 7.
  7. Wenn Sie gerne gleich mehrere Wochen üben wollen, versuchen Sie es doch mit Benjamin Franklins 13-Wochen-Plan!

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