„Macht“ kommt von „machen“

"Macht" kommt von "machen"!
Slogan: „Macht“ kommt von „machen“. Mach was draus! (M. Frisch)

Wissen ist Macht …

Der Ausspruch „Wissen ist Macht.“ wird gewöhnlich auf den englischen Philosophen und Staatsmann Francis Bacon (1561–1626) zurückgeführt. Tatsächlich hatte er 1597 in seinen Meditationes Sacrae geschrieben:

Nam et ipsa scientia potestas est.

Denn auch die Wissenschaft [bzw. das Wissen] selbst ist Macht.

Francis Bacon, Meditationes Sacrae (1597)

Der Philosoph und Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588–1679), in frühen Jahren Sekretär Francis Bacons, kommt mit seiner Formulierung unserem Sprichwort noch näher:

Scientia potentia est.

Wissen [bzw. Wissenschaft] ist Macht.

Thomas Hobbes, Leviathan (1668)

Doch ist das wirklich so? Ist Wissen mit Macht gleichzusetzen? Sicherlich ist Wissen meist eine notwendige Voraussetzung für Macht, aber doch wohl alleine nicht hinreichend. Zu Recht kritisiert also der österreichische Dichter Peter Rosegger (1843–1918):

Wissen ist Macht.

Wie schief gedacht!

Wissen ist wenig,

Können ist König.

Peter Rosegger, in der Gedichtsammlung Mein Lied (1911)

Aber auch Rosegger greift noch zu kurz. Auch wenn Können über bloßes Wissen weit hinausgeht, ist es noch nicht mit Macht gleichbedeutend. Erst in der Umsetzung von Wissen und Können in konkretes Tun – in der Machtausübung – zeigt sich Macht.

Etymologie

Und damit sind wir bei der – scheinbaren – Verwandtschaft von Macht und machen im Deutschen. Sprachwissenschaftler mögen mir die kühne Etymologie verzeihen. Ich weiß, dass sie nicht stimmt: Das deutsche Wort  Macht geht wohl vielmehr über das mittel- und althochdeutsche maht ‚Gewalt, Vermögen, körperliche Kraft‘ zurück auf das gotische maghan ‚Können, Fähigkeit, Vermögen‘, abgeleitet von der indogermanischen Wurzel *magh- ‚können, vermögen, helfen‘ zurück. (Damit geht der Punkt also vorerst an Peter Rosegger.)

Macht ist demnach etymologisch ‚das Vermögen, etwas zu tun‘ – wie die lateinischen Entsprechungen potentia und potestas, das altgriechische δύναμις, das spanische poder oder potencia, das französische pouvoir und das englische power.

machen dagegen geht über das althochdeutsche mahhōn ‚bauen‘ auf die indogermanische Wurzel *mag- ‚kneten‘ und ‚etwas handwerklich verfertigen‘ zurück. (Das englische to make hat eine ähnliche Mythologie.)

Dennoch finde ich die zufällige Ähnlichkeit der beiden Wörter, die man leicht für verwandt halten könnte, sehr erhellend. Die scheinbare sprachliche Verwandtschaft ist sozusagen ein produktives Missverständnis.

Wissen – Können – Macht

Hinter der scheinbaren Verwandtschaft von Macht und machen verbirgt sich eine wichtige Erkenntnis: Macht, also die Herrschaft, Gewalt oder Verfügung über Dinge, Personen oder komplexe Situationen resultiert eben nicht etwa aus Wissen oder Fähigkeiten alleine, sondern nur aus der tatsächlichen Umsetzung von Wissen und Fähigkeiten in Handlungen bzw. Taten.

Denn ein Wissen oder Können kann niemand erkennen, wenn es nicht eingesetzt wird. Nicht einmal man selbst kann sich der Richtigkeit des Wissens oder der (Noch-)Verfügbarkeit eines Könnens, sicher sein, wenn man es nicht – zumindest gelegentlich – anwendet.

Es genügt auch nicht, einmal oder zweimal gezeigt zu haben, dass man zu dieser tatsächlichen Umsetzung fähig ist. Nein, man muss hinreichend oft durch Handeln bewiesen haben, dass man sein Wissen und seine Fähigkeiten einsetzen kann, dass man also Macht ausüben kann, um wirklich Macht zu besitzen.

Auch kann man solche Macht durchaus verlieren, wenn man sein Wissen eben nicht mehr in Handeln umsetzen kann, erst recht natürlich wenn man Wissen und Können durch Nichtanwendung – mangelnde Übung – einbüßt.

Was ist Macht?

Macht bedeutet aber nicht nur Herrschaft über Dinge und Menschen, politische oder militärische Gewalt, sondern eben auch im weitesten Sinne soziale Autorität und Einfluss in verschiedensten Bereichen.

Darüber hinaus gibt es nicht nur eine Macht, die man über andere ausübt, sondern auch eine Macht, die man über sich selbst ausübt. Diese Macht hat zwei Aspekte: Selbstbeherrschung oder Selbstdisziplin auf der einen Seite, Tatkraft oder die Fähigkeit, sich selbst zu motivieren und sein Wissen und sein Können in Handeln umzusetzen, auf der anderen Seite.

Mach was draus!

Zahlreiche Erfolgsratgeber, Coaches und Influencer betonen völlig zu Recht diesen Aspekt des Machens bzw. Tuns.

Was bringt es mir, wenn ich Wissen anhäufe, es aber niemals zu etwas nutze? (Ich rede hier nicht von der sofortigen „Vernutzbarkeit“ jeden Wissens, jenem Anspruch, dass in Schulen und Universitäten nur gelehrt werden solle, was für Wirtschaft und Industrie brauchbar ist.) Was nützt es, wenn ich eine mir gegebene Fähigkeit oder eine Fertigkeit, die ich gelernt und geübt habe, bis ich sie beherrsche, niemals einsetze? Was bringt ein solches Wissen und Können mir selbst, meinem Umfeld, der Gesellschaft, der Welt?

Was hindert uns am Machen?

Gründe für eine solche Zurückhaltung bei der „Machtausübung“, für das Nicht-Machen also, gibt es viele: Schüchternheit; Angst, zu versagen und sich zu blamieren; Antriebslosigkeit; Unsicherheit; Gleichgültigkeit; das Gefühl, nichts ausrichten und bewirken zu können; den Glauben, dass andere etwas besser wüssten und könnten … Erkennen Sie sich selbst darin oder fallen Ihnen noch andere Gründe ein?

Was soll ich tun?

Wir sollten uns – in Anlehnung an Immanuel Kants zweite Grundfrage der Philosophie1 – fragen: Wie kann ich mein Wissen, meine Ideen, meine Fähigkeiten und Fertigkeiten einsetzen? Was kann ich damit für mich und andere bewirken – sei es im engsten Freundes- und Familienkreis, sei es in Vereinen, sei es im Beruf, sei es in der Politik? Kann ich mein Wissen an andere weitergeben? Kann ich mein Können anderen vermitteln. Kann ich mit meinem Handeln jemandem helfen?  … Auch diese Reihe von Fragen lässt sich sicher noch erweitern.

Die Umsetzung des Wissens und Könnens in Handeln mag darin bestehen, ein Produkt zu entwickeln, das uns und anderen Menschen in irgendeiner Form das Leben erleichtert, oder bestehende Produkte zu verbessern; Menschen etwas beizubringen; tätig zu werden und anderen zu helfen; für Gerechtigkeit zu sorgen; ein Geschäft zu gründen und wohlhabend zu werden; dazu beizutragen, eine Krankheit zu besiegen; mein eigenes Leben zu verbessern oder die Welt – und wenn auch nur ein ganz klein wenig – zu einem besseren Ort zu machen.2

Nicht umsonst ermahnt Seneca den Lucilius (ep. 16,3), dass die Philosophie nicht auf Worten, sondern auf Taten beruhe.3

In diesem Sinne: Macht kommt von machen. – Mach was draus!

1+
  1. Vgl. Immanuel Kant, Logik, Königsberg 1800, S. 24–26 (A).
  2. Ja, das erinnert ein wenig an Marx‘ 11. Feuerbachthese. Vgl. Karl Marx, „Thesen über Feuerbach“, postum veröffentlicht im Anhang zu: Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, 1886.
  3. Seneca, Epistulae morales ad Lucilium, 16, 3: „Non est philosophia populare artificium nec ostentationi paratum; non in verbis, sed in rebus est.“ ‚Die Philosophie ist keine volkstümliche Kunst [d. h. nicht zur Unterhaltung der Massen; M. F.] und auch nicht auf Prahlerei [d. h. Zurschaustellung des eigenen Wissens und Könnens; M. F.] ausgelegt. Sie besteht nicht aus Worten, sondern aus Taten [d. h. ihr Wesen liegt nicht in Worten, sondern Taten begründet; M. F.].‘ 

3 Kommentare

  1. Die Macht über mich selbst reicht mir aus. Ich hoffe aber, dass ich in der Lage bin, mich zu wehren, wenn mir (vorsätzlich/absichtlich) jemand Schaden zufügen will. Überdies hoffe ich, mit dem Quantum Macht aus zu kommen, das ausreicht, andere Menschen zu beschützen (Familienmitglieder, andere Menschen, die mir nahe stehen). Und zu allerletzt hoffe ich, meine Macht nicht zu missbrauchen – einen Menschen ungewollt umzubringen, z.B. durch einen Autounfall , wäre für mich eine fürchterliche Situation mit unvorhersehbarem Ausgang.

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    1. Ich denke, dass es ein sehr wichtiger Punkt ist, auch die Kontrolle über sich selbst (sowohl zur Selbstbeherrschung als auch zur Motivation) als eine Form der Macht zu begreifen. Aber auch der Einfluss, den man in verschiedensten Formen bewusst oder unbewusst auf andere ausübt, ist eben, wie Sie schreiben, eine Form von Macht.
      Natürlich ist es völlig legitim, Macht nur oder in erster Linie über sich selbst ausüben zu wollen. Das ist in jedem Falle der wahrscheinlich wichtigste, erste Schritt aus der Macht- oder gefühlten Hilflosigkeit heraus.

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